Coast FIRE und Barista FIRE: Weniger arbeiten vor dem vollständigen Ruhestand
Coast FIRE und Barista FIRE sind die beiden Spielarten der FIRE-Bewegung für alle, die nicht bis zur vollständigen finanziellen Unabhängigkeit warten wollen, um kürzerzutreten. Beim Coast FIRE ist das Depot bereits so groß, dass es ohne weitere Einzahlungen bis zum geplanten Ausstieg auf die nötige Summe wächst: Sie hören auf zu sparen und arbeiten nur noch so viel, wie Ihre laufenden Ausgaben verlangen. Beim Barista FIRE entnehmen Sie schon Geld aus dem Depot, und eine Teilzeitstelle deckt den Rest. Beide Modelle stammen aus den USA, funktionieren in Deutschland aber besser als dort. Eine sozialversicherungspflichtige Teilzeitstelle bringt hier Krankenversicherung, Rentenpunkte und den Schutz bei Erwerbsminderung mit, und die gesetzliche Rente übernimmt später einen großen Teil der Ausgaben.
Gerechnet wird trotzdem meist mit der amerikanischen Formel, und die führt in beide Richtungen in die Irre. Wir haben die Modelle deshalb an zwei Beispielen mit deutschen Zahlen durchgerechnet, und das Ergebnis ist ernüchternder, als die Begeisterung in Foren vermuten lässt. Weder Coast FIRE noch Barista FIRE sparen Arbeit. Sie tauschen wenige Jahre in Vollzeit gegen mehr Jahre in Teilzeit. Wer jetzt Zeit gewinnen will statt später, findet darin trotzdem ein gutes Modell, und Barista FIRE senkt den Kapitalbedarf eines frühen Ausstiegs um knapp ein Drittel. Das gilt allerdings nur, wenn die Teilzeitstelle groß genug ist. Mit einem Minijob geht die Rechnung fast nie auf.
Coast FIRE und Barista FIRE: der Unterschied
Beide Modelle setzen voraus, dass Sie nicht mehr sparen und weniger arbeiten. Der entscheidende Unterschied liegt im Depot: Beim Coasten bleibt es unangetastet und wächst weiter, beim Barista FIRE wird es bereits angezapft.
| Coast FIRE | Barista FIRE | Vollständiger Ausstieg | |
|---|---|---|---|
| Sparrate | keine mehr | keine mehr | keine |
| Entnahmen aus dem Depot | noch keine | der Teil der Ausgaben, den der Job nicht deckt | alle Ausgaben bis zur Rente, danach die Lücke |
| Arbeit | so viel, dass die Ausgaben gedeckt sind | Teilzeit für den Rest | keine |
| Krankenversicherung | über den Arbeitgeber | über den Arbeitgeber, sofern der Lohn über 603 € liegt | freiwillig, mindestens rund 270 € im Monat |
| Rentenpunkte | weiter, entsprechend dem Teilzeitlohn | weiter, entsprechend dem Teilzeitlohn | keine neuen |
| Typischer Zeitpunkt | zwischen 30 und 45 | ab etwa 50 | wenn das Depot die volle Rechnung trägt |
Den Namen hat Barista FIRE von Frühaussteigern in den USA, die sich einen Teilzeitjob bei einer großen Kaffeehauskette suchten, weil sie darüber krankenversichert waren. Gemeint ist jede Stelle, die einen Teil der Ausgaben trägt, ob im Café oder im eigenen Beruf. Die übrigen FIRE-Varianten unterscheiden sich vor allem im Budget: Lean FIRE bedeutet Unabhängigkeit mit sehr knappem, Fat FIRE mit großzügigem Budget. Flamingo FIRE, bei dem man die Hälfte des Zielvermögens anspart und dann in Teilzeit geht, ist im Kern eine Barista-Variante. Wie viel Geld der vollständige Ausstieg erfordert, haben wir im Ratgeber zu FIRE in Deutschland ausführlich durchgerechnet.
Coast FIRE: Ab wann Sie aufhören können zu sparen
Die Coast-Formel und warum sie in Deutschland nicht passt
Die Rechnung, die in Coast-FIRE-Rechnern und den meisten Ratgebern steckt, ist schlicht. Zuerst bestimmt man die FIRE-Zahl, also das 25-Fache der jährlichen Ausgaben, das nach der 4-Prozent-Regel für einen dauerhaften Ruhestand genügen soll. Dann zinst man sie über die Jahre bis zum Rentenalter ab:
Coast-Zahl = FIRE-Zahl ÷ (1 + reale Rendite)^Jahre bis zum Ruhestand
Für eine 37-Jährige, die 2.500 Euro im Monat ausgibt, ergibt das eine FIRE-Zahl von 750.000 Euro, die mit 67 erreicht sein soll. Bei 5 Prozent realer Rendite müsste sie heute 174.000 Euro besitzen, bei 7 Prozent nur 99.000 Euro, bei vorsichtigen 3 Prozent dagegen 309.000 Euro. Etliche Online-Rechner arbeiten mit 5 bis 7 Prozent und melden entsprechend früh, man habe sein Ziel erreicht.
Für Deutschland stimmt an dieser Rechnung zweierlei nicht. Zum einen soll das Depot ab 67 sämtliche Ausgaben tragen, als gäbe es keine gesetzliche Rente. Wer coastet, arbeitet aber weiter sozialversicherungspflichtig und erwirbt Jahr für Jahr Rentenpunkte, auch in Teilzeit. Zum anderen ist das Ziel falsch gesetzt. Wer ohnehin bis 67 arbeiten will, braucht neben der Rente vergleichsweise wenig Kapital. Die Frage, die Coast-Interessierte eigentlich umtreibt, lautet anders: Wie früh kann ich ganz aufhören, wenn ich heute aufhöre zu sparen?
Die deutsche Rechnung: Rente und Rentenpunkte aus der Teilzeit
Wir rechnen deshalb wie in unseren Ratgebern zum Kapitalbedarf im Ruhestand und zu FIRE in Deutschland in zwei Phasen. Vom vollständigen Ausstieg bis zur Rente mit 67 bezahlt das Depot alles, einschließlich der freiwilligen Kranken- und Pflegeversicherung. Ab 67 muss es nur noch die Lücke zwischen den Ausgaben und der Nettorente schließen. Diese Rente fällt höher aus als bei einem sofortigen Ausstieg, weil bis zum Ausstieg aus dem Teilzeitlohn weiter Beiträge fließen. Die Coast-Zahl ist dann der Betrag, der bei 3 Prozent realer Rendite bis zum Ausstieg auf genau diesen Kapitalbedarf wächst.
Für die 37-Jährige aus dem Beispiel, die 26 Stunden pro Woche arbeitet und damit ihre Ausgaben deckt, sieht das so aus:
| Vollständiger Ausstieg mit | Nettorente ab 67 | Kapitalbedarf beim Ausstieg | Coast-Zahl heute (mit 37) |
|---|---|---|---|
| 57 | 1.196 € | 609.000 € | 337.000 € |
| 60 | 1.277 € | 522.000 € | 265.000 € |
| 63 | 1.357 € | 430.000 € | 199.000 € |
| 67 | 1.459 € | 296.000 € | 122.000 € |
Wer mit 67 aufhören will, braucht nach deutscher Rechnung heute nur 122.000 Euro, weniger als die Hälfte dessen, was die US-Formel bei gleicher Rendite verlangt. Bei gleicher Renditeannahme ist die Faustformel also zu streng, weil ihr die Rente fehlt. Zu großzügig wird sie durch die Voreinstellungen vieler Rechner: Wer mit 5 Prozent und dem Ziel 67 rechnet, liest 174.000 Euro ab und glaubt sich am Ziel, obwohl ein Ausstieg mit 60 heute 265.000 Euro erfordern würde.
Das Beispiel Lena: Reicht ihr Depot zum Coasten?
Lena ist 37 Jahre alt, ledig, kinderlos und wohnt zur Miete. Sie arbeitet als Produktmanagerin bei einem Softwarehersteller und hat in den vergangenen Jahren konsequent gespart.
| Lena auf einen Blick | |
|---|---|
| Alter, Jahrgang | 37, Jahrgang 1989 |
| Einkommen | 6.000 € brutto, rund 3.640 € netto im Monat |
| Ausgaben | 2.500 € im Monat (ohne Krankenversicherung) |
| Sparrate | rund 1.140 € im Monat |
| Depot heute | 230.000 € in Aktien-ETFs |
| Rentenanspruch | 15,0 Entgeltpunkte |
| Plan | 26 statt 40 Stunden: 3.900 € brutto, 2.551 € netto |
Mit 26 Stunden verdient Lena netto 51 Euro mehr, als sie ausgibt. Sparen kann sie dann nicht mehr, ihr Depot wäre ab sofort sich selbst überlassen. Nach einem Coast-FIRE-Rechner, der mit 5 oder 7 Prozent Rendite und dem Ziel 67 arbeitet, hätte sie ihr Ziel längst erreicht. Nach unserer Rechnung gilt das nur, wenn sie bereit ist, bis Anfang 60 in Teilzeit zu arbeiten.
Wechselt Lena jetzt, wächst ihr Depot bei 3 Prozent realer Rendite bis zum Alter von 61 Jahren und sieben Monaten auf rund 476.000 Euro. Das ist der Zeitpunkt, an dem es erstmals den Kapitalbedarf für den vollständigen Ausstieg deckt: knapp fünfeinhalb Jahre Überbrückung bis 67 mit freiwilliger Krankenversicherung und danach die Lücke zur Rente. Bis dahin hat Lena auch in Teilzeit 37,2 Entgeltpunkte gesammelt, das ergibt ab 67 eine Bruttorente von 1.580 Euro, nach Kranken- und Pflegeversicherung und Steuern 1.319 Euro.
Will sie schon mit 60 aufhören, fehlen ihr heute rund 35.000 Euro zur Coast-Zahl. Das lässt sich mit wenigen weiteren Vollzeitjahren aufholen:
| Lena arbeitet noch in Vollzeit mit Sparrate | Depot beim Wechsel in Teilzeit | Frühester vollständiger Ausstieg |
|---|---|---|
| 0 Jahre (Wechsel sofort) | 230.000 € | 61 Jahre, 7 Monate |
| 2 Jahre | 272.000 € | 60 Jahre, 3 Monate |
| 4 Jahre | 317.000 € | 59 Jahre |
| 6 Jahre | 364.000 € | 57 Jahre, 11 Monate |
| bis zum Ziel, ohne Teilzeit | – | 53 Jahre, 5 Monate |
Jedes zusätzliche Vollzeitjahr mit Sparrate holt Lenas Ausstieg um sechs bis acht Monate nach vorn. Ihre eigene Coast-Zahl können Sie nach demselben Muster im Ruhestandsrechner prüfen; wie das geht, beschreiben wir weiter unten.
Was Coast FIRE wirklich spart
Die letzte Zeile der Tabelle verdient einen zweiten Blick. Bleibt Lena in Vollzeit und spart weiter, kann sie mit 53 Jahren und fünf Monaten vollständig aufhören. Bis dahin arbeitet sie 16,4 Jahre lang 40 Stunden. Coastet sie ab sofort, arbeitet sie 24,6 Jahre lang 26 Stunden, umgerechnet 16,0 Vollzeitjahre. Die Arbeitsmenge ist praktisch dieselbe, und selbst die Rente unterscheidet sich kaum: 1.337 Euro netto auf dem Vollzeit-Weg, 1.319 Euro auf dem Coast-Weg.
Coast FIRE schenkt Lena also keine Freiheit, die sie sich nicht auch anders verdienen könnte. Es verlegt sie: statt mit 53 alles auf einmal, ab sofort 14 Stunden pro Woche. Genau darin liegt der Wert des Modells, und für viele halten wir es für den besseren Tausch. Freie Zeit mit 40 ist etwas anderes als freie Zeit mit 55, ob für kleine Kinder, für Eltern, die Unterstützung brauchen, oder schlicht für Dinge, die man nicht auf später verschieben will. Wer den eigenen Beruf mag, empfindet 26 Stunden zudem oft nicht als Last. Wer dagegen vor allem so schnell wie möglich hinaus will, ist mit dem klassischen Weg besser bedient: Vollzeit, hohe Sparquote, dann Schluss.
Zwei Nachteile sollten Sie einpreisen. Teilzeit bremst in vielen Unternehmen die Karriere, und Gehaltssprünge, die den Plan beschleunigen würden, fallen kleiner aus. Außerdem ist der Rückweg nicht garantiert: Wer seine Arbeitszeit dauerhaft verringert hat, hat keinen Anspruch darauf, später wieder Vollzeit zu arbeiten.
Die Rendite entscheidet über Jahre
Coast FIRE ist ein Versprechen über 20 und mehr Jahre, das allein auf der Rendite ruht, denn neue Einzahlungen, die eine Schwächephase ausgleichen könnten, gibt es nicht mehr. Wie empfindlich der Plan reagiert, zeigt Lenas Beispiel: Bringt ihr Depot real nur 2 statt 3 Prozent im Jahr, kann sie erst mit 64 Jahren und zwei Monaten aufhören, bei 4 Prozent schon mit 59 Jahren und zwei Monaten. Jeder Prozentpunkt verschiebt den Ausstieg um rund zweieinhalb Jahre.
Wir halten 3 Prozent real nach Kosten und Steuern für eine vernünftige Planungsgröße, 5 bis 7 Prozent für zu optimistisch. Einen Vorteil hat das Coasten immerhin: Weil Lena nichts entnimmt, schadet ihr ein Börseneinbruch in den ersten Jahren weniger als einem Frühaussteiger, der gleichzeitig verkaufen muss. Gefährlich wird ein Crash erst kurz vor dem geplanten Ausstieg, und deshalb gehört zum Coasten eine Gewohnheit: alle drei bis fünf Jahre nachrechnen, ob das Depot noch auf Kurs liegt. Liegt es zurück, sind ein oder zwei Jahre mit höherer Stundenzahl die einfachste Korrektur. Diese Möglichkeit unterscheidet Coast FIRE vom vollständigen Ausstieg, und sie ist sein eigentliches Sicherheitsnetz.
Barista FIRE: Teilzeit plus Depot
Barista FIRE beantwortet eine andere Frage: Wie weit kann ich kürzertreten, wenn das Depot für den vollständigen Ausstieg noch nicht reicht? Typisch ist das für Angestellte jenseits der 50, die ein ordentliches Vermögen aufgebaut haben, aber nicht genug, um die Jahre bis zur Rente allein daraus zu bestreiten.
Das Beispiel Stefan: Mit 55 ganz raus oder halb?
Stefan ist 54, alleinstehend und hat zwei erwachsene Kinder. Seine Eigentumswohnung ist abbezahlt. Er arbeitet als Vertriebsingenieur und möchte mit 55 aus seinem bisherigen Job aussteigen.
| Stefan auf einen Blick | |
|---|---|
| Alter, Jahrgang | 54, Jahrgang 1972 |
| Einkommen | 6.500 € brutto, rund 3.935 € netto im Monat |
| Ausgaben | 2.600 € im Monat (ohne Krankenversicherung) |
| Sparrate bis 55 | 1.400 € im Monat |
| Depot | 430.000 €, mit 55 rund 460.000 € |
| Rentenanspruch | 38,0 Entgeltpunkte, mit 55 rund 39,5 |
Hört Stefan mit 55 ganz auf, braucht er nach unserer Rechnung 638.000 Euro: 372.000 Euro für zwölf Jahre bis zur Rente, in denen er einschließlich Krankenversicherung 2.870 Euro im Monat ausgibt, 241.000 Euro für die Lücke zwischen seinen Ausgaben und der Nettorente von 1.426 Euro ab 67 und 25.000 Euro als Reserve. Es fehlen ihm also 178.000 Euro.
Die Barista-Variante sieht anders aus. Stefan übernimmt ab 55 eine Stelle mit 20 Wochenstunden, etwa in der technischen Beratung eines kleineren Unternehmens, für 1.900 Euro brutto. Davon bleiben ihm 1.433 Euro netto, und das Depot muss nur noch 1.167 Euro im Monat beisteuern statt 2.870 Euro.
| Stefans Plan ab 55 | Kapitalbedarf mit 55 | Reicht sein Depot? |
|---|---|---|
| ganz aufhören, Rente mit 67 | 638.000 € | nein, 178.000 € fehlen |
| 20 Stunden bis 60, dann aufhören | 526.000 € | nein, 66.000 € fehlen |
| 20 Stunden bis 63, Rente mit 67 | 463.000 € | knapp nicht, 3.000 € fehlen |
| 20 Stunden bis 63, Rente mit 63 (Abschlag 14,4 %) | 436.000 € | ja, Puffer 23.000 € |
| 20 Stunden bis 64, Rente mit 67 | 443.000 € | ja, Puffer 17.000 € |
| 20 Stunden bis 65, Rente mit 67 | 423.000 € | ja, Puffer 37.000 € |
| 20 Stunden bis 67 | 385.000 € | ja, Puffer 75.000 € |
Mit der Teilzeitstelle bis 64 sinkt Stefans Kapitalbedarf um knapp ein Drittel. Dazu kommt eine höhere Rente: Arbeitet er bis 63 weiter, erhält er ab 67 rund 106 Euro netto im Monat mehr als nach einem Ausstieg mit 55. Wie schon im Ratgeber zum Ausstieg mit 60 ist die Rente mit Abschlag auch hier die günstigere Brücke. Nimmt Stefan mit 63 die Altersrente für langjährig Versicherte, erhält er zwar dauerhaft 14,4 Prozent weniger, spart sich aber vier Jahre vollständiger Entnahmen und kommt mit seinem Depot aus.
Belastbar ist der Plan allerdings erst mit etwas mehr Abstand. Ein Puffer von 17.000 bis 23.000 Euro entspricht nur ein bis anderthalb Jahren Entnahmen in der Barista-Phase. Wir würden Stefan raten, mit 20 Stunden bis 65 zu planen und mit 63 nachzurechnen, wie die Märkte gelaufen sind. Läuft es gut, kann er früher aufhören oder mit 63 die Rente nehmen, läuft es schlecht, hat er die Stelle noch.
Ein Vergleich gehört zur Ehrlichkeit dazu. Würde Stefan in Vollzeit weiterarbeiten und sparen, könnte er schon mit 57 Jahren und neun Monaten vollständig aufhören. Das sind knapp drei Vollzeitjahre über die geplanten 55 hinaus. Die Barista-Variante bis 64 entspricht dagegen neun Jahren mit halber Stundenzahl, also viereinhalb Vollzeitjahren. Stefan arbeitet mit Barista FIRE insgesamt sogar mehr, weil er in der neuen Stelle pro Stunde nur gut die Hälfte seines bisherigen Gehalts verdient. Ob sich das lohnt, ist keine Rechenfrage mehr. Wer nach 30 Jahren im Vertrieb ausgebrannt ist, wird drei weitere Vollzeitjahre zu Recht anders bewerten als neun ruhige Jahre mit 20 Stunden.
Viele Ratgeber rechnen Barista FIRE mit einer Pauschalformel: monatliche Lücke mal 12, geteilt durch die Entnahmerate. Für Stefan ergäbe das 350.000 Euro bei 4 Prozent und 400.000 Euro bei 3,5 Prozent. Die Formel unterstellt, dass die Teilzeitstelle bis ans Lebensende läuft. Endet sie mit 63 oder 64, muss das Depot noch einige Jahre allein tragen, und Stefan braucht 440.000 bis 460.000 Euro.
Wie groß der Job sein muss
Das Beispiel funktioniert mit 1.900 Euro brutto. Mit einer kleineren Stelle sieht die Rechnung schnell anders aus, wie die folgende Tabelle für Stefans Budget zeigt:
| Teilzeitstelle | Netto | davon Kranken- und Pflegeversicherung | Rentenpunkte pro Jahr (Rente je Arbeitsjahr) | Depot trägt pro Monat | Teilzeit mindestens bis |
|---|---|---|---|---|---|
| Minijob, 603 € | 581 € | keine Versicherung, freiwillig 270 € | 0,14 (5,92 €) | 2.289 € | reicht nicht |
| Midijob, 1.000 € | 880 € | 60 € | 0,23 (9,82 €) | 1.720 € | reicht nicht |
| Midijob, 1.500 € | 1.211 € | 135 € | 0,35 (14,73 €) | 1.389 € | 65 |
| Midijob, 1.900 € | 1.433 € | 196 € | 0,44 (18,66 €) | 1.167 € | 64 |
| halbe Stelle im bisherigen Job, 3.250 € | 2.208 € | 343 € | 0,75 (31,92 €) | 392 € | 61 |
„Reicht nicht“ heißt: Selbst mit Teilzeit bis 67 deckt Stefans Depot den Bedarf nicht. Mit Minijob bräuchte er dafür 552.000 Euro, mit dem Midijob über 1.000 Euro 472.000 Euro.
Mit einem Minijob scheitert Barista FIRE, weil er die Krankenversicherung nicht abdeckt. Von 581 Euro netto gehen 270 Euro für die freiwillige Kranken- und Pflegeversicherung ab, übrig bleiben gut 300 Euro. Auch der Midijob über 1.000 Euro entlastet das Depot zu wenig. Den größten Hebel hat die halbe Stelle im bisherigen Beruf: Stefan bräuchte sie nur bis 61, also sechs Jahre mit 20 Stunden. Das sind drei Vollzeitjahre und damit fast genau so viel, wie er in Vollzeit bis zum vollständigen Ausstieg noch arbeiten müsste.
Daraus folgt unsere wichtigste Empfehlung zum Barista-Modell: Entscheidend ist der Stundenlohn, nicht die Stundenzahl. Wer seine bisherige Stelle halbieren kann, behält seinen Marktwert und kommt mit der kürzesten Teilzeitphase aus. Wer für Barista FIRE den Beruf wechselt und deutlich weniger verdient, zahlt dafür mit zusätzlichen Arbeitsjahren. Das kann sich trotzdem lohnen, wenn der neue Job mehr Freude macht, man sollte es nur vorher wissen.
Warum die Teilzeitstelle mehr wert ist als ihr Netto
In Deutschland hat eine sozialversicherungspflichtige Teilzeitstelle drei Vorteile, die in keinem Netto-Vergleich auftauchen.
Der erste ist die Krankenversicherung. Ab einem Lohn von 603,01 Euro im Monat sind Sie über den Arbeitgeber pflichtversichert. Zwischen 603,01 und 2.000 Euro liegt der sogenannte Übergangsbereich, besser bekannt als Midijob. Dort zahlen Sie einen reduzierten Arbeitnehmeranteil, der von fast null an der Untergrenze bis zum vollen Satz bei 2.000 Euro ansteigt; den Rest trägt der Arbeitgeber. Bei 1.000 Euro brutto kosten Kranken- und Pflegeversicherung Stefan 60 Euro im Monat, als Privatier wären es mindestens 270 Euro. Hinzu kommt ein Punkt, den viele übersehen: Pflichtversicherte zahlen nur auf ihren Lohn Beiträge, Kursgewinne, Zinsen und Dividenden bleiben beitragsfrei. Wer dagegen freiwillig versichert ist, muss auch auf Kapitalerträge Beiträge zahlen, sobald sie den Mindestbeitrag übersteigen. Wann das passiert, erklären wir im Ratgeber zur Krankenversicherung als Privatier.
Der zweite Vorteil ist die Rente. Jedes Jahr mit Teilzeitlohn bringt Entgeltpunkte, und zwar im Verhältnis des Bruttolohns zum Durchschnittsentgelt, das 2026 vorläufig bei 51.944 Euro liegt. Im Midijob zählt dabei der volle Bruttolohn, obwohl Sie selbst nur reduzierte Beiträge zahlen. Stefans 20-Stunden-Stelle bringt 0,44 Punkte im Jahr und damit knapp 19 Euro Monatsrente für jedes Arbeitsjahr.
Der dritte Vorteil wird am häufigsten unterschätzt: der Schutz bei Erwerbsminderung. Eine Erwerbsminderungsrente setzt voraus, dass in den fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre lang Pflichtbeiträge gezahlt wurden. Wer ganz aufhört, verliert diesen Schutz nach etwa zwei Jahren. Mit einer Teilzeitstelle bleibt er erhalten, auch mit einem Minijob, sofern Sie sich nicht von der Rentenversicherungspflicht befreien lassen. Der Eigenanteil liegt dort bei 3,6 Prozent, an der Minijob-Grenze von 603 Euro also bei knapp 22 Euro im Monat. Seit Juli 2026 lässt sich eine frühere Befreiung einmalig widerrufen. Ab Januar 2027 steigt die Minijob-Grenze mit dem Mindestlohn auf 633 Euro, der Midijob beginnt dann bei 633,01 Euro.
Barista FIRE entschärft das Reihenfolgerisiko
Ein Argument für Barista FIRE spricht sich erst beim zweiten Hinsehen herum. Im ersten Jahr nach dem vollständigen Ausstieg müsste Stefan 7,5 Prozent seines Depots entnehmen, mit der Teilzeitstelle sind es 3,0 Prozent. Ein Börseneinbruch in den ersten Jahren nach dem Ausstieg trifft einen Plan mit hohen Entnahmen besonders hart, weil Anteile zu niedrigen Kursen verkauft werden müssen. Warum das so ist, zeigen wir im Beitrag zum Renditereihenfolgerisiko. Mit Barista FIRE fällt dieses Risiko deutlich kleiner aus: Nach acht Jahren Teilzeit liegen bei Stefan rechnerisch noch rund 416.000 Euro im Depot, nach acht Jahren als Privatier wären es 237.000 Euro. Läuft die Börse schlecht, kann er außerdem für ein, zwei Jahre die Stunden erhöhen. Diese Flexibilität ist bei einem vollständigen Ausstieg mit Mitte 50 kaum noch zu haben.
Was Sie vor dem Wechsel in Teilzeit klären sollten
Anspruch auf Teilzeit und Brückenteilzeit
Wer seine Arbeitszeit im bestehenden Job verringern will, hat darauf in vielen Fällen einen gesetzlichen Anspruch. Nach § 8 des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (TzBfG) können Sie eine dauerhafte Verringerung verlangen, wenn Ihr Arbeitsverhältnis länger als sechs Monate besteht und Ihr Arbeitgeber in der Regel mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigt. Den Antrag stellen Sie spätestens drei Monate vor dem gewünschten Beginn in Textform, eine E-Mail genügt. Ablehnen darf der Arbeitgeber nur aus betrieblichen Gründen. Einen Anspruch auf Rückkehr in Vollzeit haben Sie danach allerdings nicht; bei freien Vollzeitstellen müssen Sie lediglich bevorzugt berücksichtigt werden.
Die Brückenteilzeit nach § 9a TzBfG ist befristet: Sie verringern die Arbeitszeit für ein bis fünf Jahre und kehren danach automatisch zur alten Stundenzahl zurück. Voraussetzung ist ein Arbeitgeber mit mehr als 45 Beschäftigten; in Betrieben mit bis zu 200 Beschäftigten gilt eine Zumutbarkeitsgrenze, je angefangene 15 Beschäftigte muss nur einer Person Brückenteilzeit gewährt werden. Für Coast FIRE eignet sie sich als Probelauf: zwei oder drei Jahre mit weniger Stunden, danach eine bewusste Entscheidung, ob daraus eine dauerhafte Teilzeit wird.
Politisch ist der Teilzeitanspruch derzeit umstritten. Der Wirtschaftsflügel der Union hat Anfang 2026 gefordert, den Anspruch auf Teilzeit aus persönlichen Gründen abzuschaffen. Beschlossen ist davon nichts, das Gesetz gilt unverändert (Stand Oktober 2026).
Arbeitslosengeld nach Teilzeit
Das Arbeitslosengeld richtet sich grundsätzlich nach dem Lohn der letzten zwölf Monate. Wer nach Jahren in Teilzeit arbeitslos wird, bekommt deshalb entsprechend weniger. Eine Schutzregel mildert das für eine begrenzte Zeit: Haben Sie Ihre Arbeitszeit per Teilzeitvereinbarung auf weniger als 80 Prozent einer Vollzeitstelle verringert und waren innerhalb der letzten dreieinhalb Jahre vor der Arbeitslosigkeit mindestens sechs Monate am Stück mit höherer Stundenzahl beschäftigt, bleiben die Teilzeitmonate bei der Bemessung außer Betracht (§ 150 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 SGB III). Nach dreieinhalb Jahren Teilzeit greift dieser Schutz nicht mehr. Für Lena hieße das: Ab Anfang 40 würde ihr Arbeitslosengeld nur noch nach den 3.900 Euro bemessen. Mit einem Depot im Rücken ist das verkraftbar, einplanen sollten Sie es trotzdem.
Steuern in den Barista-Jahren
Wer vollständig ausgestiegen ist, zahlt auf Kursgewinne oft keine Steuer, weil er über die Günstigerprüfung den Grundfreibetrag von 12.348 Euro nutzen kann. In den Barista-Jahren verbraucht der Lohn diesen Freibetrag bereits. Auf realisierte Kursgewinne fällt dann oberhalb des Sparerpauschbetrags von 1.000 Euro Abgeltungsteuer an. Bei Stefan sind das in den Teilzeitjahren rund 700 bis 770 Euro im Jahr, wenn 40 Prozent seiner Entnahmen auf Kursgewinne entfallen. Ein Grund gegen Barista FIRE ist das nicht. Größere Umschichtungen, bei denen viele Gewinne auf einmal anfallen, legen Sie aber besser in die Jahre nach dem Ende der Teilzeit.
Altersteilzeit und Teilrente
Zwei gesetzliche Modelle kommen Barista FIRE nahe. Bei der Altersteilzeit halbieren Beschäftigte ab 55 ihre Arbeitszeit, und der Arbeitgeber stockt den Lohn um mindestens 20 Prozent und die Rentenbeiträge auf rund 90 Prozent des bisherigen Niveaus auf. Die Aufstockung ist steuerfrei, erhöht aber über den Progressionsvorbehalt den Steuersatz auf das übrige Einkommen. Einen gesetzlichen Anspruch gibt es nicht; Altersteilzeit beruht auf Tarifverträgen oder einer Vereinbarung mit dem Arbeitgeber. Wenn Ihr Arbeitgeber sie anbietet, ist sie fast immer günstiger als ein selbst finanziertes Barista-Modell, weil der Arbeitgeber einen Teil der Kosten trägt. Die Alterssicherungskommission hat im Juni 2026 empfohlen, das beliebte Blockmodell abzuschaffen und das Mindestalter auf 58 anzuheben. Beschlossen ist auch das bislang nicht.
Ab 63 lässt sich außerdem eine Teilrente mit Teilzeitarbeit verbinden, sofern Sie 35 Versicherungsjahre erreicht haben. Seit 2023 gibt es für vorgezogene Altersrenten keine Hinzuverdienstgrenze mehr. Sie können zum Beispiel die Hälfte Ihrer Rente beziehen und weiter 20 Stunden arbeiten. Der Abschlag von 0,3 Prozent je Monat vor der Regelaltersgrenze fällt nur auf den Teil an, den Sie vorzeitig beziehen, und mit dem Lohn erwerben Sie weitere Rentenpunkte.
Coast oder Barista: Für wen passt was?
Coast FIRE passt zu Sparern zwischen 30 und 45, deren Depot im Verhältnis zu ihren Ausgaben bereits groß ist und denen mehr Zeit in den nächsten Jahren wichtiger ist als ein möglichst früher Ausstieg. Wer gern arbeitet, aber nicht 40 Stunden, ist hier richtig. Rechnen Sie Ihre Coast-Zahl mit der gesetzlichen Rente und mit höchstens 3 Prozent realer Rendite, und planen Sie das Coasten bis zu einem realistischen Ausstiegsalter, das in den meisten Fällen eher bei Anfang 60 liegt als bei Anfang 50. Wer dagegen den Job als Belastung empfindet und schnell hinaus will, sollte lieber einige Jahre länger mit hoher Sparquote in Vollzeit arbeiten.
Barista FIRE passt zu Angestellten ab etwa 50, deren Depot für den vollständigen Ausstieg nicht reicht und die die letzten Jahre vor der Rente entspannter gestalten wollen. Am besten funktioniert es, wenn Sie den bisherigen Job auf die Hälfte reduzieren können. Eine schlechter bezahlte Stelle verlängert die Teilzeitphase deutlich, ein Minijob trägt das Modell praktisch nie. Planen Sie das Ende der Teilzeit ausdrücklich ein und prüfen Sie, ob die Rente mit Abschlag die günstigere Brücke ist.
Beide Modelle lassen sich kombinieren. Lena könnte mit Anfang 60 statt ganz aufzuhören noch ein paar Jahre mit wenigen Stunden arbeiten und ihren Puffer vergrößern. Genau diese Beweglichkeit macht beide Wege robuster als den einen großen Schritt in den vollständigen Ruhestand.
Coast FIRE und Barista FIRE im Ruhestandsrechner durchspielen
Unsere Beispiele rechnen mit gleichmäßigen Renditen und zeigen deshalb nur, ob ein Plan im Durchschnitt aufgeht. Im Ruhestandsrechner können Sie ihn mit vielen simulierten Marktverläufen prüfen.
Für Coast FIRE tragen Sie als Ruhestandsbeginn das Alter ein, in dem Sie vollständig aufhören wollen, und als Vermögen den Betrag, auf den Ihr Depot bis dahin ohne Sparrate wächst: heutiger Depotwert mal 1,03 hoch die Zahl der Jahre bis zum Ausstieg. Als Rente setzen Sie den Betrag an, der sich aus Ihren bisherigen Entgeltpunkten plus den Punkten aus den Teilzeitjahren ergibt; wie Sie von der Brutto- zur Nettorente kommen, erklärt unser Ratgeber Rentenlücke berechnen. Für Barista FIRE ist der Ruhestandsbeginn das Ende der Teilzeit und das Vermögen der Depotstand, der nach den Teilzeitjahren übrig bleibt, bei Stefan mit 63 rund 416.000 Euro. Variieren Sie anschließend das Ausstiegsalter und beobachten Sie, wie sich Reichweite und Erfolgsquote verändern; was diese Quote aussagt, erklären wir im Beitrag zur Monte-Carlo-Simulation.
Eine Grenze sollten Sie kennen: Die Beiträge zur freiwilligen Krankenversicherung nach dem Ende der Teilzeit berechnet der Rechner nicht automatisch. Tragen Sie sie für die Jahre bis zur Rente als zusätzliche Ausgabe ein, mindestens mit dem Mindestbeitrag von rund 270 bis 280 Euro.
Häufige Fragen
Was ist Coast FIRE?
Coast FIRE ist der Punkt, an dem Ihr Depot ohne weitere Einzahlungen bis zum geplanten Ausstieg auf die nötige Summe wächst. Von da an müssen Sie nichts mehr sparen und nur noch so viel arbeiten, dass Ihre laufenden Ausgaben gedeckt sind. In Deutschland arbeiten Sie dabei weiter sozialversicherungspflichtig und erwerben Rentenpunkte, was die nötige Summe senkt.
Wie viel Geld braucht man für Coast FIRE?
Das hängt vor allem davon ab, wann Sie vollständig aufhören wollen. Für Lena, 37, mit 2.500 Euro Ausgaben und 26 Stunden Teilzeit liegt die Coast-Zahl bei 122.000 Euro, wenn sie bis 67 arbeitet, bei 265.000 Euro für einen Ausstieg mit 60 und bei 337.000 Euro für einen Ausstieg mit 57, jeweils bei 3 Prozent realer Rendite. Die verbreitete US-Formel ohne Rente kommt je nach Renditeannahme auf 99.000 bis 309.000 Euro und trifft damit keinen dieser Werte zuverlässig.
Was ist Barista FIRE?
Bei Barista FIRE deckt eine Teilzeitstelle einen Teil Ihrer Ausgaben, das Depot den Rest. Sie brauchen dadurch deutlich weniger Vermögen als für den vollständigen Ausstieg. Der Name stammt aus den USA, wo Frühaussteiger Teilzeitjobs bei Kaffeehausketten annahmen, um krankenversichert zu sein.
Reicht ein Minijob für die Krankenversicherung?
Nein. Ein Minijob bis 603 Euro im Monat (ab 2027: 633 Euro) begründet keine Krankenversicherungspflicht. Sie bleiben freiwillig versichert und zahlen mindestens rund 270 Euro im Monat selbst. Pflichtversichert sind Sie erst ab 603,01 Euro, im Midijob mit reduziertem Arbeitnehmeranteil.
Wie viele Rentenpunkte bringt Teilzeit?
So viele, wie Ihr Bruttolohn im Verhältnis zum Durchschnittsentgelt ausmacht, das 2026 vorläufig 51.944 Euro beträgt. 1.900 Euro brutto im Monat ergeben 0,44 Punkte im Jahr, also rund 19 Euro Monatsrente für jedes Arbeitsjahr; eine halbe Stelle mit 3.250 Euro bringt 0,75 Punkte und knapp 32 Euro. Im Midijob zählt der volle Bruttolohn, obwohl Sie geringere Beiträge zahlen.
Kann ich nach der Teilzeit zurück in Vollzeit?
Nur wenn Sie die Brückenteilzeit gewählt haben – dann kehren Sie nach ein bis fünf Jahren automatisch zur alten Stundenzahl zurück. Bei einer dauerhaften Teilzeit nach § 8 TzBfG haben Sie keinen Rückkehranspruch; der Arbeitgeber muss Sie bei freien Vollzeitstellen lediglich bevorzugt berücksichtigen.
Ist Barista FIRE mit 50 realistisch?
Für viele ja, wenn die Teilzeitstelle gut bezahlt ist. Entscheidend ist, wie viel das Depot monatlich beisteuern muss und wie lange die Teilzeit läuft. In unserem Beispiel reichen 460.000 Euro mit 55 für Barista FIRE mit 20 Wochenstunden und 1.900 Euro brutto bis 64, während der vollständige Ausstieg 638.000 Euro erfordern würde. Wer seine bisherige Stelle halbieren kann, kommt noch früher hinaus.
Unser Fazit
Coast FIRE und Barista FIRE sind in Deutschland keine halben Ruhestände, sondern Teilzeitmodelle mit einem Depot im Rücken, und als solche funktionieren sie hier besser als in den USA. Die Teilzeitstelle sichert Krankenversicherung, Rentenpunkte und Erwerbsminderungsschutz, und die gesetzliche Rente übernimmt später den größten Teil der Ausgaben. Wer diese Rente in seiner Coast-Rechnung weglässt, rechnet sich ärmer, als er ist; wer dafür mit 5 bis 7 Prozent Rendite und dem Ziel 67 rechnet, glaubt sich zu früh am Ziel.
Eine Illusion sollten Sie allerdings nicht haben: Weniger Arbeit insgesamt bringt keines der beiden Modelle. Lena arbeitet auf dem Coast-Weg fast genau so viele Vollzeitjahre wie auf dem klassischen FIRE-Weg, Stefan mit seiner schlechter bezahlten Teilzeitstelle sogar mehr. Was beide gewinnen, ist eine andere Verteilung: mehr Zeit früher, dafür ein späterer vollständiger Ausstieg. Für viele Menschen ist das der bessere Tausch, und wir halten ihn vor allem dann für sinnvoll, wenn die gewonnene Zeit heute mehr wert ist als später.
Wenn Sie über einen der beiden Wege nachdenken, rechnen Sie zuerst mit Ihren eigenen Zahlen: Ausgaben, Rentenpunkte, das Netto der geplanten Teilzeitstelle und ein Ausstiegsalter, das Sie realistisch erreichen können. Prüfen Sie, ob Sie Anspruch auf Teilzeit oder Brückenteilzeit haben, und bauen Sie den Plan nicht auf einem Minijob auf. Und rechnen Sie alle paar Jahre nach. Die größte Stärke beider Modelle besteht darin, dass Sie die Stundenzahl wieder erhöhen können, wenn die Märkte nicht mitspielen.
Stand: Oktober 2026. Rechenannahmen: Beträge in heutiger Kaufkraft; gesetzliche Rente und Gehälter halten ihre Kaufkraft; Rentenwert 42,52 Euro, Durchschnittsentgelt 2026 (vorläufig) 51.944 Euro; Regelaltersgrenze 67; Rendite real nach Kosten und Steuern 3 Prozent in der Spar- und Coastphase (monatliche Sparrate) und 2 Prozent ab Beginn der Entnahmen; Entnahme zu Jahresbeginn bis zum Alter von 95; Reserve 25.000 Euro; freiwillige Kranken- und Pflegeversicherung nach dem Ende der Erwerbstätigkeit zum Mindestbeitrag 2026 mit durchschnittlichem Zusatzbeitrag (270,26 Euro, kinderlos 278,17 Euro); ab Rentenbeginn Kranken- und Pflegeversicherung der Rentner 12,35 Prozent (kinderlos 12,95 Prozent) und Einkommensteuer nach Tarif 2026 mit dem Besteuerungsanteil des Rentenbeginnjahres, ohne Kirchensteuer; Rente mit 63 mit Abschlag von 14,4 Prozent; Nettolöhne für Steuerklasse I mit durchschnittlichem Zusatzbeitrag, Arbeitnehmeranteile im Übergangsbereich nach der Formel 2026 (Faktor F 0,6619); Steuer auf Kursgewinne in den Barista-Jahren bei einem Gewinnanteil von 40 Prozent und Teilfreistellung für Aktienfonds. Quellen: Deutsche Rentenversicherung (Rentenwert 2026, Minijob und Rentenversicherung), Minijob-Zentrale, Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Faktor F 2026), Sozialgesetzbuch III, IV, V und VI (§ 150 SGB III, § 20 SGB IV, § 226 SGB V, §§ 34, 42, 43 SGB VI), Teilzeit- und Befristungsgesetz (§§ 8, 9, 9a), Altersteilzeitgesetz, Einkommensteuergesetz (§ 3 Nr. 28, § 32a EStG), Beitragsübersichten der Krankenkassen für freiwillig Versicherte 2026, Bundesregierung (Bericht der Alterssicherungskommission, Juni 2026).