Die 4-Prozent-Regel: Wie brauchbar ist sie für Ihren Ruhestand?

Die 4-Prozent-Regel ist die bekannteste Faustregel für Entnahmen aus dem Depot: Im ersten Ruhestandsjahr entnehmen Sie 4 Prozent Ihres Vermögens, in den Folgejahren denselben Betrag, jeweils an die Inflation angepasst. In den historischen Daten des amerikanischen Kapitalmarkts hätte ein gemischtes Depot aus Aktien und Anleihen diese Entnahmen mindestens 30 Jahre lang getragen. Wer 500.000 Euro angespart hat, dürfte demnach im ersten Jahr 20.000 Euro ausgeben.

Als erste Orientierung halten wir die Regel für brauchbar, allerdings nur in ihrer ursprünglichen Form. Viele Banken und Finanzportale machen aus ihr ein Versprechen auf lebenslangen Kapitalerhalt, das sie nie gegeben hat. Eine Garantie ist sie ebenfalls nicht. Für Frühaussteiger, die 40 Jahre und länger von ihrem Depot leben wollen, ist sie zu großzügig; für Ruheständler, deren gesetzliche Rente den größten Teil der Ausgaben deckt, oft zu vorsichtig. Steuern und Kosten, die in den amerikanischen Studien keine Rolle spielen, verschieben das Ergebnis zusätzlich. Wie stark, lässt sich mit wenigen Zahlen zeigen.

Was besagt die 4-Prozent-Regel?

Die Regel legt genau einen Wert fest: die erste Entnahme. Sie beträgt 4 Prozent des Vermögens zu Beginn des Ruhestands. Danach spielt der Depotwert für die Höhe der Entnahme keine Rolle mehr. Der Euro-Betrag steigt jedes Jahr um die Inflationsrate, damit seine Kaufkraft gleich bleibt.

Bei einem Startvermögen von 500.000 Euro sind das im ersten Jahr 20.000 Euro. Liegt die Inflation wie im September 2026 nach der ersten Schätzung des Statistischen Bundesamts bei 3,3 Prozent, entnehmen Sie im zweiten Jahr 20.660 Euro. Bei durchschnittlich 2,5 Prozent Inflation wären es nach zehn Jahren rund 25.600 Euro – nominal deutlich mehr, real dieselbe Kaufkraft wie am Anfang. Das gilt auch dann, wenn die Börse nicht mitspielt. Verliert das Depot im ersten Jahr nach der Entnahme 20 Prozent, sind nur noch 384.000 Euro übrig, und die zweite Entnahme von 20.660 Euro entspricht bereits 5,4 Prozent des aktuellen Depotwerts.

Hier lohnt sich eine begriffliche Unterscheidung. Die Entnahmerate bezieht die Entnahme auf das Startvermögen und bleibt bei der 4-Prozent-Regel real konstant. Die Entnahmequote bezieht sie auf den jeweils aktuellen Depotwert und schwankt mit den Kursen. Wenn in Studien von der „sicheren Entnahmerate“ die Rede ist, im Englischen von der Safe Withdrawal Rate, ist immer die erste gemeint.

Rückwärts gelesen ergibt die Regel das bekannte 25-Fache. Weil 4 Prozent ein Fünfundzwanzigstel sind, brauchen Sie das 25-Fache dessen, was Sie jährlich aus dem Depot entnehmen wollen. Wer vorsichtiger plant, rechnet mit 3,5 oder 3 Prozent und damit mit dem 28,6- oder 33,3-Fachen:

Bedarf aus dem Depot pro Monat nach 4-%-Regel (25-Fache) nach 3,5 % (28,6-Fache) nach 3 % (33,3-Fache)
500 € 150.000 € 171.400 € 200.000 €
1.000 € 300.000 € 342.900 € 400.000 €
1.500 € 450.000 € 514.300 € 600.000 €
2.000 € 600.000 € 685.700 € 800.000 €

Entscheidend sind die Worte „aus dem Depot“. Gemeint ist nicht Ihr gesamter Bedarf im Ruhestand, sondern nur der Teil, den Rente und andere sichere Einkünfte nicht decken. Für deutsche Ruheständler ist das der wichtigste Unterschied zur amerikanischen Lesart der Regel.

Vier verbreitete Missverständnisse

„Das Vermögen bleibt erhalten.“ Das verspricht die Regel nicht. Bengen hat die 4 Prozent so bestimmt, dass das Geld selbst im ungünstigsten historischen Verlauf noch gut 30 Jahre reichte. In günstigen Verläufen blieb viel übrig, in den schlechtesten war das Depot am Ende nahezu leer. Trotzdem steht der Kapitalerhalt bei einem großen ETF-Portal sogar in der Überschrift. Wer nur von den Erträgen leben will, braucht bei 2 Prozent realer Rendite das 50-Fache seiner jährlichen Entnahme, doppelt so viel wie nach der Regel.

„Das Depot muss mindestens 4 Prozent Rendite bringen.“ Auch das ist falsch. Rechnet man mit einer gleichmäßigen Rendite, genügen rund 1,3 Prozent über der Inflation, damit eine Entnahmerate von 4 Prozent 30 Jahre trägt. Der große Abstand zur Durchschnittsrendite eines Aktiendepots ist kein Zufall: Er ist der Puffer für schlechte Börsenphasen, vor allem am Anfang des Ruhestands.

„Die Regel ignoriert die Inflation.“ Das Gegenteil trifft zu. Die jährliche Anpassung an die Teuerung ist ihr Kern und der Hauptgrund, warum die Rate so niedrig ausfällt. Ohne Inflationsanpassung wären deutlich höhere Startentnahmen möglich, nur würde das Einkommen Jahr für Jahr an Kaufkraft verlieren.

„Man entnimmt jedes Jahr 4 Prozent des aktuellen Depotwerts.“ Das ist eine andere Strategie mit konstanter Entnahmequote. Sie kann das Depot nie vollständig leeren, lässt aber das Einkommen mit jedem Börsenrückgang schrumpfen. Als bewusste Wahl ist sie legitim, mit der 4-Prozent-Regel hat sie nichts zu tun.

Woher die Regel kommt: Bengen und die Trinity-Studie

Die Regel geht auf den amerikanischen Finanzplaner William Bengen zurück. Er spielte 1994 im Journal of Financial Planning mit den Kapitalmarktdaten von 1926 bis 1992 durch, wie lange ein Depot aus US-Aktien und mittelfristigen US-Staatsanleihen gereicht hätte, je nachdem, in welchem Jahr der Ruhestand begann. Mit einer inflationsangepassten Startentnahme von 4 Prozent war das Geld in keinem Fall vor Ablauf von 33 Jahren aufgebraucht, sofern der Aktienanteil zwischen 50 und 75 Prozent lag. Am ungünstigsten waren die Startjahre Ende der 1960er-Jahre, als schwache Börsen und hohe Inflation zusammenkamen; wer damals mit 5 Prozent begann, war nach rund 20 Jahren pleite. Als „absolut sicher“ bezeichnete Bengen 3 Prozent, damit hielt das Depot in allen Fällen mindestens 50 Jahre.

Populär wurde die Regel vier Jahre später durch die sogenannte Trinity-Studie, benannt nach der Trinity University in Texas, an der die drei Autoren Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz lehrten. Mit Daten von 1926 bis 1995 berechneten sie für verschiedene Depotmischungen, in wie vielen Zeiträumen das Geld gereicht hätte. Deshalb ist gelegentlich auch von der Trinity-Regel die Rede; gemeint ist dieselbe Faustregel. Für 30 Jahre und inflationsangepasste Entnahmen ergab sich:

Startentnahme 100 % Aktien 75 % Aktien 50 % Aktien 25 % Aktien 100 % Anleihen
3 % 100 % 100 % 100 % 100 % 80 %
4 % 95 % 98 % 95 % 71 % 20 %
5 % 85 % 83 % 76 % 27 % 17 %
6 % 68 % 68 % 51 % 20 % 12 %

Anteil der historischen 30-Jahres-Zeiträume, in denen das Geld gereicht hätte (USA, 1926 bis 1995).

Zwei Dinge fallen auf. Ohne nennenswerten Aktienanteil funktioniert die Regel nicht: Ein reines Anleihedepot hätte 4 Prozent nur in jedem fünften Zeitraum durchgehalten. Und oberhalb von 4 Prozent sinkt die Erfolgsquote schnell. Zwischen „fast immer“ und „in jedem vierten Fall gescheitert“ liegt bei einem ausgewogenen Depot gerade ein Prozentpunkt.

Bengen selbst hat seine Zahl seither mehrfach nach oben korrigiert: 1997 auf 4,3 Prozent, nachdem er Nebenwerte ins Depot aufgenommen hatte, 2006 auf 4,5 Prozent und 2025 in seinem Buch „A Richer Retirement“ auf 4,7 Prozent, jeweils für 30 Jahre und ein breiter gestreutes Depot. Vorsichtiger ist das Analysehaus Morningstar, das jedes Jahr auf Basis seiner Renditeerwartungen eine sichere Startentnahme schätzt. Für Ruheständler, die 2026 beginnen, sind es 3,9 Prozent bei 30 Jahren Laufzeit und 90 Prozent Erfolgswahrscheinlichkeit. Beide Werte gelten für amerikanische Anleger, in US-Dollar und vor Steuern.

Gilt die Regel auch mit deutschen und internationalen Daten?

Alle bisher genannten Zahlen stammen aus den USA, also vom erfolgreichsten Aktienmarkt des 20. Jahrhunderts. Ob die Regel auch anderswo funktioniert hätte, hat der Ruhestandsforscher Wade Pfau 2010 mit Daten aus 17 Industrieländern von 1900 bis 2008 untersucht. Das Ergebnis ist ernüchternd. Selbst mit der im Nachhinein bestmöglichen Mischung aus Aktien und Anleihen hätten 4 Prozent nur in vier Ländern 30 Jahre lang gehalten: in den USA, Kanada, Schweden und Dänemark. Für Deutschland ermittelte Pfau eine sichere Entnahmerate von 1,14 Prozent, für Japan sogar nur 0,47 Prozent. Der schlechteste deutsche Startzeitpunkt war 1914. Wer damals in den Ruhestand ging, erlebte zwei Weltkriege, die Hyperinflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise.

Ganz anders sieht es aus, wenn die Rechnung erst nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt. Eine 2021 in der Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft veröffentlichte Studie hat deutsche Aktien und Bundesanleihen von 1955 bis 2018 durchgerechnet. Ein Depot aus je zur Hälfte Aktien und Staatsanleihen hätte eine inflationsangepasste Entnahme von 4 Prozent in jedem 30-Jahres-Zeitraum getragen. Am pessimistischen Ende steht eine vielzitierte Untersuchung der Finanzwissenschaftler Aizhan Anarkulova, Scott Cederburg, Michael O’Doherty und Richard Sias mit Kapitalmarktdaten aus 38 Industrieländern: Ein 65-jähriges Paar, das ein Risiko von 5 Prozent akzeptiert, vor dem Lebensende ohne Geld dazustehen, könne demnach nur rund 2,3 Prozent im Jahr entnehmen.

Was folgt daraus? Aus unserer Sicht vor allem, dass das Ergebnis stärker vom betrachteten Zeitraum und von der Streuung des Depots abhängt als von der Regel selbst. Je mehr Länder und Katastrophen in die Daten eingehen, desto niedriger fällt die sichere Rate aus. Wer heute in einen weltweit gestreuten Aktien-ETF und solide Anleihen investiert, ist dem Schicksal eines einzelnen Landes nicht so ausgeliefert, wie es ein deutscher Anleger 1914 war. Eine Garantie ist aber auch das nicht. 4 Prozent sind ein historisch gut begründeter Wert für 30 Jahre, kein Naturgesetz. Wer mehr Sicherheitsabstand möchte, findet ihn bei 3 bis 3,5 Prozent – oder, wirksamer, in der Bereitschaft, die Entnahme in schlechten Jahren anzupassen.

Wie lange reicht das Geld bei 3, 4 oder 5 Prozent?

Historische Studien beantworten die Frage, ob das Geld gereicht hätte. Für die eigene Planung ist eine andere Rechnung oft anschaulicher: Wie viele Jahre trägt ein Vermögen eine bestimmte Entnahmerate, wenn es Jahr für Jahr eine gleichbleibende reale Rendite erzielt? Real heißt nach Abzug der Inflation. Weil die Entnahmen mit der Teuerung steigen, zählt nur der Teil der Rendite, der darüber hinausgeht. Wie in unseren anderen Ratgebern rechnen wir mit Beträgen in heutiger Kaufkraft und einer Entnahme jeweils zu Jahresbeginn.

Entnahmerate 0 % reale Rendite 1 % 2 % 3 %
3,0 % 33,3 Jahre 40,3 Jahre 53,5 Jahre über 100 Jahre
3,5 % 28,6 Jahre 33,4 Jahre 41,5 Jahre 60,4 Jahre
4,0 % 25,0 Jahre 28,6 Jahre 34,0 Jahre 44,1 Jahre
4,5 % 22,2 Jahre 25,0 Jahre 28,9 Jahre 35,3 Jahre
5,0 % 20,0 Jahre 22,2 Jahre 25,1 Jahre 29,6 Jahre
6,0 % 16,7 Jahre 18,1 Jahre 20,0 Jahre 22,5 Jahre

Bei 2 Prozent realer Nettorendite, unserer Standardannahme für ein gemischtes ETF-Depot nach Kosten und Steuern, reicht eine Entnahmerate von 4 Prozent 34 Jahre. Das passt gut zu den historischen Ergebnissen. Erzielt das Depot nur 1 Prozent über der Inflation, sind es knapp 29 Jahre, bei null Prozent genau 25. Bemerkenswert ist, wie stark schon ein halber Prozentpunkt wirkt: Wer bei 2 Prozent Rendite 4,5 statt 4 Prozent entnimmt, verliert gut fünf Jahre Reichweite; wer sich mit 3,5 Prozent begnügt, gewinnt siebeneinhalb Jahre.

Eine gleichbleibende Rendite gibt es an der Börse allerdings nicht. Die Tabelle beschreibt deshalb den Durchschnittsfall. Warum ein Depot mit derselben Durchschnittsrendite trotzdem Jahre früher leer sein kann, zeigt das Beispiel von Gabi weiter unten.

Der Planungshorizont entscheidet über die richtige Entnahmerate

Die 30 Jahre der Trinity-Studie sind eine Annahme, gedacht für Amerikaner, die um 65 in den Ruhestand gehen. Für Ihre Planung zählt, wie lange das Geld tatsächlich reichen muss. Nach der Sterbetafel 2023/2025 des Statistischen Bundesamts haben 65-jährige Männer im Durchschnitt noch 18,0 Lebensjahre vor sich, gleichaltrige Frauen 21,1 Jahre. Weil ein großer Teil der Menschen deutlich länger lebt, empfehlen wir, mindestens bis 95 zu planen. Wer mit 67 in den Ruhestand geht, braucht sein Geld dann 28 Jahre, wer mit 60 aufhört, 35 Jahre, und wer mit 50 aussteigt, 45 Jahre.

Die folgende Tabelle zeigt, welche Entnahmerate tragbar ist, wenn das Vermögen mit 95 aufgebraucht sein darf:

Ruhestand ab Jahre bis 95 0 % reale Rendite 1 % 2 % 3 %
67 28 3,6 % 4,1 % 4,6 % 5,2 %
65 30 3,3 % 3,8 % 4,4 % 5,0 %
63 32 3,1 % 3,6 % 4,2 % 4,8 %
60 35 2,9 % 3,4 % 3,9 % 4,5 %
55 40 2,5 % 3,0 % 3,6 % 4,2 %
50 45 2,2 % 2,7 % 3,3 % 4,0 %
45 50 2,0 % 2,5 % 3,1 % 3,8 %

Für einen Ruhestand ab 67 lässt die Tabelle bei 2 Prozent realer Rendite 4,6 Prozent zu, ab 60 noch 3,9 Prozent, ab 50 nur gut 3,3 Prozent – und wenn das Depot lediglich 1 Prozent über der Inflation erzielt, sogar nur 2,7 Prozent. Diese Werte gelten allerdings für eine gleichmäßige Rendite. Für schwankende Märkte ist ein Sicherheitsabschlag sinnvoll, und die Regel selbst liefert einen Anhaltspunkt für seine Größe: Für 30 Jahre ergibt die Tabelle 4,4 Prozent, historisch sicher waren 4 Prozent, also rund ein Zehntel weniger. Mit diesem Abschlag passt die 4-Prozent-Regel für einen Ruhestand ab 65 bis 67 gut, ab 60 sind gut 3,5 Prozent angemessen und für Frühaussteiger ab 50 etwa 3 Prozent. Die verbreitete Empfehlung, in Deutschland mit 3 bis 3,5 Prozent zu rechnen, ist deshalb vor allem eine Empfehlung für lange Zeiträume. Wie sich ein Ausstieg weit vor der Rente planen lässt, beschreiben wir im Ratgeber FIRE in Deutschland.

Was die Rechnung in Deutschland verändert

Steuern: Aus 4 Prozent brutto werden weniger

Die amerikanischen Studien rechnen ohne Steuern. In Deutschland fällt auf Entnahmen aus dem Depot Abgeltungsteuer an, allerdings nur auf den Gewinnanteil der verkauften Anteile, nicht auf die gesamte Entnahme. Sie beträgt 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag, zusammen 26,375 Prozent, mit Kirchensteuer knapp 28 Prozent. Bei Aktien-ETFs bleiben durch die Teilfreistellung 30 Prozent des Gewinns steuerfrei, außerdem gilt der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person und Jahr, für zusammenveranlagte Ehepaare 2.000 Euro.

Wie hoch der Gewinnanteil ist, hängt davon ab, wann Sie die Anteile gekauft haben. Verkauft werden nach dem FIFO-Prinzip (first in, first out) immer zuerst die ältesten Anteile. Wer über Jahrzehnte angespart hat, verkauft zu Beginn des Ruhestands also gerade die Anteile mit den höchsten Kursgewinnen; wer sein Depot erst kurz vor dem Ruhestand aufgebaut oder umgeschichtet hat, verkauft Anteile mit geringem Gewinn. Für eine Entnahme von 20.000 Euro bei einem alleinstehenden Anleger ohne Kirchensteuer ergibt sich:

Gewinnanteil der verkauften Anteile Steuer Anteil an der Entnahme Netto 4 % brutto entsprechen netto
20 % 475 € 2,4 % 19.525 € 3,9 %
30 % 844 € 4,2 % 19.156 € 3,8 %
50 % 1.582 € 7,9 % 18.418 € 3,7 %
70 % 2.321 € 11,6 % 17.679 € 3,5 %

Je nach Gewinnanteil kostet die Steuer also zwischen gut 2 und knapp 12 Prozent der Entnahme, und aus 4 Prozent brutto werden 3,5 bis 3,9 Prozent, die Ihnen zum Ausgeben bleiben. Planen Sie deshalb mit Ihrem Nettobedarf und schlagen Sie die Steuer auf die Entnahme auf, statt die 4 Prozent als verfügbares Einkommen zu betrachten.

Bei thesaurierenden ETFs kommt die Vorabpauschale hinzu. Für 2026 beträgt der maßgebliche Basiszins 3,20 Prozent. Ist das Depot im Jahresverlauf ausreichend gestiegen, werden bei einem Wert von 500.000 Euro zu Jahresbeginn bis zu 11.200 Euro als Ertrag angesetzt, von denen nach Teilfreistellung 7.840 Euro steuerpflichtig sind. Diese Steuer ist eine Vorauszahlung, denn beim späteren Verkauf wird die bereits versteuerte Vorabpauschale vom Gewinn abgezogen. Einplanen sollten Sie sie trotzdem, weil die Bank den Betrag Anfang des Folgejahres vom Verrechnungskonto einzieht.

Wer neben den Kapitalerträgen nur ein geringes Einkommen hat, kann in der Steuererklärung die Günstigerprüfung beantragen. Die Erträge werden dann mit dem persönlichen Steuersatz besteuert, der unterhalb des Grundfreibetrags von 12.348 Euro (2026) bei null liegt. Das lohnt sich vor allem in den Jahren zwischen Arbeitsende und Rentenbeginn, wenn außer den Entnahmen kaum steuerpflichtige Einkünfte anfallen.

Kosten: Jeder Zehntelprozentpunkt Kosten fehlt bei der Entnahme

Auch Produktkosten kommen in den klassischen Studien nicht vor. Sie mindern unmittelbar die reale Rendite und damit die tragbare Entnahme. Ein weltweit gestreuter ETF kostet heute rund 0,2 Prozent im Jahr, eine Vermögensverwaltung oder ein Depot aus aktiv gemanagten Fonds schnell 1 bis 1,5 Prozent. Unterstellen wir vor Kosten 2,2 Prozent reale Rendite, ergibt sich bei einem Vermögen von 300.000 Euro und 28 Jahren Laufzeit:

Laufende Kosten pro Jahr reale Nettorendite tragbare Entnahmerate Entnahme pro Monat
0,2 % (ETF) 2,0 % 4,6 % 1.152 €
1,0 % 1,2 % 4,2 % 1.044 €
1,5 % (Vermögensverwaltung, aktive Fonds) 0,7 % 3,9 % 979 €

Der Unterschied zwischen 0,2 und 1,5 Prozent Kosten beträgt in diesem Beispiel 173 Euro im Monat, rund 15 Prozent des Einkommens aus dem Depot. Für uns ist das ein starkes Argument, auch die Entnahmephase mit kostengünstigen ETFs zu bestreiten. Wer eine laufende Beratung oder Verwaltung bezahlt, sollte die 4-Prozent-Regel um diese Kosten nach unten korrigieren.

Krankenversicherung: ein Posten, den viele vergessen

Wer im Ruhestand in der Krankenversicherung der Rentner (KVdR) pflichtversichert ist, zahlt auf Kapitalerträge keine Beiträge. Anders sieht es bei freiwillig gesetzlich Versicherten aus, also etwa bei Frühaussteigern bis zum Rentenbeginn oder bei Rentnern, die die Voraussetzungen für die Pflichtversicherung nicht erfüllen. Bei ihnen zählen auch Kapitalerträge zur Beitragsbemessung, und selbst ohne Einkommen wird 2026 für Kranken- und Pflegeversicherung ein Mindestbeitrag von rund 270 Euro im Monat fällig, für Kinderlose rund 278 Euro. Dieses Geld muss zusätzlich aus dem Depot kommen. Einzelheiten erklärt unser Ratgeber zur Krankenversicherung als Privatier.

Gesetzliche Rente: Nur die Lücke muss aus dem Depot kommen

Den größten Unterschied zur amerikanischen Lesart macht die gesetzliche Rente. In vielen FIRE-Rechnungen gilt das 25-Fache der gesamten Ausgaben als Ziel, als müsste das Depot den Lebensunterhalt allein tragen. Für die meisten Ruheständler in Deutschland deckt die Rente aber einen großen Teil der Ausgaben, und zwar lebenslang und grundsätzlich mit den Löhnen steigend. Aus dem Depot muss nur die Lücke kommen, und nur auf diese Lücke sollten Sie die 4-Prozent-Regel anwenden. Bei 2.800 Euro Ausgaben und 1.800 Euro Nettorente sind das 1.000 Euro im Monat oder 12.000 Euro im Jahr. Nach der Regel genügen dafür 300.000 Euro, nicht 840.000 Euro. Wie Sie Ihre Lücke netto ermitteln, erklären wir im Ratgeber Rentenlücke berechnen.

Schwieriger wird es, wenn die Rente erst einige Jahre nach dem Ende des Arbeitslebens beginnt. Dann ist die Entnahme in den ersten Jahren viel höher als später, und eine einzige Entnahmerate beschreibt den Plan nicht mehr.

Zwei Beispiele: Für Gabi passt die Regel, für Thomas nicht

Gabi, 67: Die Rente deckt den größten Teil

Gabi geht mit 67 in Rente. Sie ist alleinstehend, gibt 2.600 Euro im Monat aus und erhält eine Nettorente von 1.600 Euro. In ihrem Depot liegen 300.000 Euro, überwiegend in einem weltweit gestreuten Aktien-ETF, dazu ein Teil auf dem Tagesgeldkonto und in Anleihen. Ihre Lücke beträgt 1.000 Euro im Monat, also 12.000 Euro im Jahr – genau 4 Prozent ihres Vermögens.

Für Gabi passt die Regel gut. Ihr Planungshorizont bis 95 umfasst 28 Jahre und ist damit etwas kürzer als die 30 Jahre der Trinity-Studie. Bei 2 Prozent realer Rendite bräuchte sie für ihre Lücke 260.500 Euro; zusammen mit einer Reserve von 25.000 Euro für größere Einmalausgaben sind es 285.500 Euro, knapp 15.000 Euro weniger, als sie besitzt. Tragbar wären bei dieser Rendite sogar 13.800 Euro im Jahr oder 1.150 Euro im Monat, eine Entnahmerate von 4,6 Prozent. Erzielt ihr Depot dagegen nur 1 Prozent über der Inflation, reicht das Geld bei 12.000 Euro Entnahme bis 95, bei null Prozent realer Rendite bis 92.

Hinzu kommt ein Sicherheitsnetz, das in den amerikanischen Studien fehlt. Selbst wenn Gabis Depot früher aufgebraucht wäre, bliebe ihr die Rente von 1.600 Euro. Sie müsste sich spürbar einschränken, stünde aber nicht ohne Einkommen da.

Thomas, 60: Sieben Jahre bis zur Rente

Thomas hört mit 60 auf zu arbeiten, seine gesetzliche Rente beginnt mit 67. Er ist alleinstehend und hat zwei erwachsene Kinder. Bis zum Rentenbeginn muss er seine Ausgaben von 2.500 Euro im Monat vollständig aus dem Depot bestreiten, dazu den Mindestbeitrag zur freiwilligen Kranken- und Pflegeversicherung von 270 Euro. Das sind 33.240 Euro im Jahr. Ab 67 erhält er 1.450 Euro Nettorente, weniger als bei Weiterarbeit, weil ihm sieben Beitragsjahre fehlen. Seine Lücke sinkt dann auf 1.050 Euro im Monat oder 12.600 Euro im Jahr.

Mit der 4-Prozent-Regel kommt Thomas hier nicht weiter. Auf seine Ausgaben bis 67 angewandt, ergäbe sie einen Bedarf von 831.000 Euro, auf die Lücke ab 67 nur 315.000 Euro. Beide Zahlen führen in die Irre. Richtig ist eine Rechnung in zwei Phasen: Für die sieben Jahre bis zur Rente braucht Thomas bei 2 Prozent realer Rendite 219.500 Euro, für die Lücke von 67 bis 95 heute weitere 238.100 Euro. Zusammen mit einer Reserve von 25.000 Euro sind es rund 483.000 Euro – deutlich weniger als die erste und deutlich mehr als die zweite Faustregel-Zahl.

Wie unterschiedlich sein Depot in den einzelnen Phasen belastet wird, zeigt die Entnahmequote, also die Entnahme im Verhältnis zum jeweils vorhandenen Vermögen (ohne Reserve):

Alter Depot zu Jahresbeginn Entnahme im Jahr Entnahmequote
60 457.600 € 33.240 € 7,3 %
63 381.800 € 33.240 € 8,7 %
66 301.400 € 33.240 € 11,0 %
67 273.500 € 12.600 € 4,6 %
70 250.900 € 12.600 € 5,0 %
80 165.100 € 12.600 € 7,6 %

Eine Startentnahme von 7,3 Prozent klingt bedrohlich, ist hier aber für sich genommen kein Warnsignal. Die hohe Belastung ist von vornherein auf sieben Jahre begrenzt; mit dem Rentenbeginn sinkt seine Entnahmequote auf 4,6 Prozent. Dass die Quote danach wieder steigt, ist gewollt, denn bis 95 soll das Vermögen aufgebraucht sein. Ein anderes Risiko ist bei ihm dafür umso größer: Fällt die Börse in den ersten Jahren nach seinem Ausstieg stark, muss er hohe Beträge zu niedrigen Kursen verkaufen. Wir halten es deshalb für sinnvoll, das Geld für die Brückenjahre zu einem großen Teil in sicheren Anlagen wie Tagesgeld, Festgeld oder kurz laufenden Anleihen zu halten. Wie sich ein Ausstieg mit 60 im Detail planen lässt, beschreibt unser Ratgeber Mit 60 aufhören zu arbeiten.

Warum die ersten Jahre im Ruhestand so viel Gewicht haben

Alle bisherigen Rechnungen unterstellen eine gleichmäßige Rendite. An der Börse wechseln sich jedoch gute und schlechte Jahre ab, und in der Entnahmephase kommt es auf ihre Reihenfolge an. Das lässt sich an Gabis Depot zeigen. Wir unterstellen zwei Jahre mit einem realen Verlust von je 15 Prozent und 26 Jahre mit einem Plus von je 3,44 Prozent; über 28 Jahre entspricht das genau 2 Prozent im Jahr. Einmal fallen die beiden Verlustjahre an den Anfang ihres Ruhestands, einmal an das Ende:

Verlauf Depot mit 75 mit 80 mit 85 mit 95
Verluste zu Beginn 161.200 € 124.500 € 80.900 € mit 92 aufgebraucht
gleichmäßig 2 % 246.400 € 208.400 € 166.400 € 68.800 €
Verluste am Ende 281.100 € 266.400 € 249.000 € 136.000 €

Die Durchschnittsrendite ist in allen drei Fällen dieselbe. Trotzdem ist Gabis Geld mit 92 aufgebraucht, wenn die Verluste gleich zu Beginn kommen, während ihr mit denselben Verlusten am Ende mit 95 noch 136.000 Euro bleiben. Nach zwei schlechten Jahren hat sie nur noch knapp 198.000 Euro im Depot, entnimmt aber weiter 12.000 Euro; ihre Entnahmequote ist von 4 auf 6,1 Prozent gestiegen. Die Anteile, die sie in der Baisse verkauft hat, fehlen ihr bei der Erholung. Dieses Renditereihenfolgerisiko haben Bengen und die Trinity-Autoren bereits eingerechnet, denn sie haben echte Verläufe mit echten Krisen durchgespielt. Es ist der Grund, warum die historisch sichere Entnahmerate weit unter dem liegt, was sich mit der Durchschnittsrendite eines Aktiendepots errechnen ließe.

Am zuverlässigsten hilft gegen dieses Risiko Flexibilität. Senkt Gabi ihre Entnahme nach dem schlechten Start dauerhaft um 10 Prozent, also um 100 Euro im Monat, reicht ihr Geld auch im ungünstigen Verlauf bis 97. Systematische Varianten dieser Idee sind Leitplanken-Regeln wie die von Jonathan Guyton und William Klinger: Steigt die Entnahmequote über eine festgelegte Obergrenze, wird die Entnahme gekürzt, sinkt sie unter eine Untergrenze, darf sie steigen. Morningstar kommt in seiner aktuellen Untersuchung für flexible Entnahmemethoden auf Startentnahmen von knapp 6 Prozent, allerdings um den Preis eines schwankenden Einkommens. Einen zweiten Puffer bietet eine Reserve auf dem Tagesgeldkonto, aus der Sie in schwachen Börsenjahren entnehmen, statt Aktien mit Verlust zu verkaufen. Wie sich feste und flexible Entnahmen praktisch umsetzen lassen, erklären wir im Ratgeber zum ETF-Entnahmeplan.

So nutzen Sie die 4-Prozent-Regel sinnvoll

  1. Rechnen Sie mit der Lücke, nicht mit dem Gesamtbedarf. Ziehen Sie von Ihren monatlichen Nettoausgaben die Nettorente und andere sichere Einkünfte ab. Nur der Rest muss aus dem Depot kommen.
  2. Passen Sie die Rate an Ihren Planungshorizont an. Für einen Ruhestand ab etwa 65 halten wir 4 Prozent für einen vertretbaren Startwert. Planen Sie 35 Jahre und mehr, sind 3,5 Prozent angemessener, bei 45 Jahren und mehr 3 bis 3,3 Prozent.
  3. Trennen Sie brutto und netto. Schlagen Sie Steuern und gegebenenfalls Beiträge zur freiwilligen Krankenversicherung auf die Entnahme auf. Zahlen Sie hohe laufende Kosten, senken Sie die Rate: Bei 1 Prozent Kosten statt 0,2 Prozent ist knapp ein halber Prozentpunkt weniger tragbar, bei 1,5 Prozent rund 0,7 Prozentpunkte.
  4. Rechnen Sie Brückenjahre gesondert. Liegt zwischen Arbeitsende und Rentenbeginn eine Lücke von mehreren Jahren, ermitteln Sie den Bedarf für beide Phasen getrennt, statt eine einzige Rate anzusetzen.
  5. Legen Sie vorher fest, wann Sie nachsteuern. Eine einfache Leitplanke: Liegt die Entnahmequote mehr als ein Fünftel über Ihrer Startrate, bei 4 Prozent also über 4,8 Prozent, verzichten Sie auf die nächste Inflationsanpassung oder kürzen die Entnahme. Wer wie Thomas mit einer Brückenphase plant, vergleicht stattdessen den Depotwert mit dem geplanten Verlauf. Halten Sie außerdem die Entnahmen für ein bis zwei Jahre auf dem Tagesgeldkonto bereit, und überprüfen Sie Ihren Plan einmal im Jahr.

Ihre Entnahmerate im Ruhestandsrechner prüfen

Die 4-Prozent-Regel und unsere Tabellen arbeiten mit festen Annahmen. Der Ruhestandsrechner geht einen Schritt weiter. Sie tragen Ihr Vermögen, Ihre Ausgaben, den Rentenbeginn und Ihre Nettorente ein, und der Rechner simuliert statt einer festen Rendite viele mögliche Marktverläufe. Als Ergebnis sehen Sie, in wie vielen davon Ihr Geld bis zum Ende des Planungshorizonts reicht. Was eine Erfolgsquote von beispielsweise 90 Prozent bedeutet und was nicht, erklären wir im Beitrag zur Monte-Carlo-Simulation. Außerdem können Sie feste Ausgaben mit flexiblen Anpassungen in schwachen Marktphasen vergleichen und im Experiment zum Reihenfolge-Risiko nachvollziehen, wie stark ein schlechter Start Ihren Plan trifft.

Eine Einschränkung sollten Sie kennen: Beiträge zur freiwilligen Kranken- und Pflegeversicherung berechnet der Rechner nicht automatisch. Wenn Sie vor dem Rentenbeginn aufhören zu arbeiten, tragen Sie diese Beiträge für die Jahre bis zur Rente zusätzlich als Ausgabe ein.

Häufige Fragen

Ist die 4-Prozent-Regel in Deutschland noch sicher?

Sicher im Sinne einer Garantie war sie nie. Mit deutschen Aktien und Bundesanleihen hätte ein ausgewogenes Depot seit 1955 eine inflationsangepasste Entnahme von 4 Prozent in jedem 30-Jahres-Zeitraum getragen; rechnet man die Zeit der Weltkriege mit, war dagegen nur gut 1 Prozent sicher. Für einen Ruhestand von rund 30 Jahren mit einem weltweit gestreuten, kostengünstigen Depot halten wir 4 Prozent für einen vertretbaren Startwert. Bei längeren Zeiträumen, hohen Kosten oder wenig Bereitschaft, die Ausgaben anzupassen, würden wir 3 bis 3,5 Prozent ansetzen.

Bezieht sich die 4-Prozent-Regel auf brutto oder netto?

Auf brutto, denn die Studien, aus denen sie stammt, rechnen ohne Steuern. In Deutschland geht von jeder Entnahme noch die Abgeltungsteuer auf den Gewinnanteil ab, je nach Höhe des Gewinns zwischen gut 2 und knapp 12 Prozent der Entnahme. Aus 4 Prozent werden so 3,5 bis 3,9 Prozent, über die Sie frei verfügen können.

Was ist die 3-Prozent-Regel?

Eine vorsichtigere Variante: Sie entnehmen im ersten Jahr 3 Prozent und brauchen dafür das 33,3-Fache Ihres jährlichen Bedarfs aus dem Depot. Schon Bengen bezeichnete 3 Prozent als absolut sicher; in seinen Daten hielt das Geld damit mindestens 50 Jahre. Sinnvoll ist diese Rate vor allem für Frühaussteiger, die 45 Jahre und länger planen. Wer mit 67 in Rente geht, verschenkt mit 3 Prozent viel Spielraum, und ein großer Teil des Vermögens wird am Ende vererbt statt ausgegeben. Dazwischen liegt die 3,5-Prozent-Regel mit dem 28,6-Fachen, die wir für einen Ruhestand von 35 bis 40 Jahren für angemessen halten.

Wie lange reichen 500.000 Euro nach der 4-Prozent-Regel?

Nach der Regel dürfen Sie im ersten Jahr 20.000 Euro entnehmen, also rund 1.670 Euro im Monat, und den Betrag danach an die Inflation anpassen. Bei 2 Prozent realer Rendite reicht das Geld damit 34 Jahre, bei 1 Prozent knapp 29 Jahre. Wie lange andere Beträge bei anderen Entnahmen reichen, zeigt unser Ratgeber zum Kapitalbedarf im Ruhestand.

Kann man mit der 4-Prozent-Regel von den Erträgen leben?

Nein – die Regel unterstellt, dass Sie Ihr Vermögen nach und nach verbrauchen dürfen. Dass in günstigen Verläufen viel übrig bleibt, ist ein Nebeneffekt, kein Ziel. Wer nur von den Erträgen leben möchte, etwa um Vermögen zu vererben, sollte bei 2 Prozent realer Rendite nicht mehr als 2 Prozent entnehmen und braucht dafür das 50-Fache seines jährlichen Bedarfs, doppelt so viel wie nach der 4-Prozent-Regel.

Unser Fazit

Die 4-Prozent-Regel taugt mehr, als ihre Kritiker behaupten, und weniger, als viele Anbieter versprechen. Als Startwert für einen Ruhestand von rund 30 Jahren mit einem breit gestreuten, kostengünstigen Depot ist sie gut begründet: In den US-Daten hat sie über 30 Jahre fast immer gehalten, mit deutschen Daten seit 1955 in jedem Zeitraum, und bei 2 Prozent realer Rendite reicht sie rechnerisch 34 Jahre. Ein Versprechen auf Kapitalerhalt ist sie dagegen nicht, und gegen eine Katastrophe wie in Deutschland nach 1914 schützt sie auch nicht.

Ihre größte Schwäche liegt darin, dass sie für eine einzige Situation entwickelt wurde: einen Amerikaner, der mit Mitte 60 in den Ruhestand geht und alles aus dem Depot bestreitet. In Deutschland passt das selten. Wer mit 67 in Rente geht und eine ordentliche gesetzliche Rente bezieht, wendet die Regel nur auf die Lücke an und darf eher etwas mehr entnehmen. Wer früher aufhört, muss die Brückenjahre gesondert rechnen und bei einem Horizont von 40 Jahren und mehr mit 3 bis 3,5 Prozent planen. Steuern und Kosten kommen in jedem Fall hinzu.

Nutzen Sie die Regel deshalb, um schnell die Größenordnung abzuschätzen – Lücke mal 25 –, und prüfen Sie das Ergebnis anschließend mit Ihrem eigenen Planungshorizont, Ihren Kosten und Ihrer Rente, am besten im Ruhestandsrechner. Den größten Sicherheitsgewinn bringt aus unserer Sicht keine noch niedrigere Entnahmerate, sondern die Bereitschaft, nach einem schlechten Börsenstart etwas weniger auszugeben.


Stand: Oktober 2026. Rechenannahmen: Beträge in heutiger Kaufkraft, inflationsangepasste Entnahme jeweils zu Jahresbeginn, reale Nettorendite 2 Prozent pro Jahr, sofern nicht anders angegeben. Steuer- und Beitragswerte nach Rechtsstand 2026. Quellen: William P. Bengen, „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data“, Journal of Financial Planning, Oktober 1994; Philip L. Cooley, Carl M. Hubbard, Daniel T. Walz, „Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable“, AAII Journal, 1998; Wade D. Pfau, „An International Perspective on Safe Withdrawal Rates“, Journal of Financial Planning, Dezember 2010; Alexander Dziwisch, Philippe Krahnhof, Alexander Zureck, Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft 110 (2021); Aizhan Anarkulova, Scott Cederburg, Michael S. O’Doherty, Richard W. Sias, „The Safe Withdrawal Rate: Evidence from a Broad Sample of Developed Markets“, Journal of Pension Economics & Finance (2025); Morningstar, „What’s a Safe Retirement Withdrawal Rate for 2026?“; Statistisches Bundesamt (Sterbetafel 2023/2025, Verbraucherpreisindex September 2026); Bundesministerium der Finanzen (Basiszins 2026).

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