Renditereihenfolgerisiko: Warum schlechte Börsenjahre zum Rentenstart besonders zählen

Das Renditereihenfolgerisiko beschreibt die Gefahr, dass ein Depot im Ruhestand früher leer ist als geplant, weil die schlechten Börsenjahre zur falschen Zeit kommen – selbst wenn die Durchschnittsrendite am Ende genau den Erwartungen entspricht. Im Englischen heißt es Sequence of Returns Risk, im Deutschen liest man auch vom Rendite-Reihenfolge-Risiko. Zum Problem wird die Reihenfolge erst, wenn Sie regelmäßig Geld aus dem Depot nehmen. Dann wiegen Verluste in den ersten Ruhestandsjahren deutlich schwerer als dieselben Verluste zwanzig Jahre später.

Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt ein Beispiel aus unserem Ratgeber zur 4-Prozent-Regel: Fallen zwei Verlustjahre an den Anfang von Gabis Ruhestand, ist ihr Depot mit 92 aufgebraucht. Kommen dieselben Verluste erst am Ende, liegen mit 95 noch 136.000 Euro darin. Wir haben durchgerechnet, was dagegen hilft, und das Ergebnis ist eindeutig. Am wirksamsten ist die Bereitschaft, nach einem schlechten Start etwas weniger zu entnehmen. Das Geldpolster auf dem Tagesgeldkonto, das in vielen Ratgebern an erster Stelle steht, bringt deutlich weniger, als die meisten erwarten. Unterschätzt wird dagegen der Zeitpunkt, zu dem Sie in den Ruhestand gehen – vor allem von Frühaussteigern, für die das Risiko am größten ist. Und in Deutschland entschärft die gesetzliche Rente das Problem, weil sie weiterläuft, wenn das Depot leer ist.

Was ist das Renditereihenfolgerisiko?

Solange Sie Ihr Depot nur liegen lassen, ist es gleichgültig, in welcher Reihenfolge gute und schlechte Jahre kommen. Die Jahresrenditen werden miteinander multipliziert, und beim Multiplizieren spielt die Reihenfolge keine Rolle: Ob Sie erst 15 Prozent verlieren und danach 20 Prozent gewinnen oder umgekehrt, am Ende steht derselbe Betrag. Zwischendurch kann das Depot zwar deutlich tiefer stehen, doch alle Anteile bleiben im Depot und nehmen an der Erholung teil.

Im Ruhestand ändert sich das, weil Sie regelmäßig Anteile verkaufen, um davon zu leben. Nach einem Kurseinbruch brauchen Sie für dieselbe Entnahme mehr Anteile als vorher. Was Sie in der Baisse verkauft haben, fehlt Ihnen, wenn die Kurse wieder steigen. Je größer die Entnahme im Verhältnis zum Depot und je länger der Zeitraum, über den das Geld noch reichen muss, desto stärker wirkt dieser Effekt. Gemessen wird das an der Entnahmequote, also der Entnahme im Verhältnis zum aktuellen Depotwert. Bleibt die Entnahme gleich und fällt das Depot, steigt die Quote – und mit ihr die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld nicht reicht.

Das Renditereihenfolgerisiko ist deshalb kein eigenes Marktrisiko, sondern entsteht erst aus dem Zusammenspiel von Kursverlauf und Entnahmen. Es ist auch kein neues Phänomen. Die Studien, aus denen die 4-Prozent-Regel stammt, haben echte historische Verläufe mit echten Krisen durchgespielt und das Risiko damit bereits berücksichtigt. Genau deshalb liegt die historisch sichere Entnahmerate weit unter dem, was sich mit der Durchschnittsrendite eines Aktiendepots errechnen ließe.

Gleiche Renditen, andere Reihenfolge: zwei Beispiele

Für die folgenden Rechnungen verwenden wir denselben Stresstest wie im Ratgeber zur 4-Prozent-Regel. Über 28 Jahre, vom 67. Geburtstag bis zum 95., erzielt das Depot zweimal einen realen Verlust von 15 Prozent und in den übrigen 26 Jahren je 3,44 Prozent. Im Durchschnitt sind das genau 2 Prozent pro Jahr über der Inflation, unsere Standardannahme für ein gemischtes ETF-Depot nach Kosten und Steuern. Alle Beträge sind in heutiger Kaufkraft angegeben. Variiert wird nur, wann die beiden Verlustjahre kommen.

Ohne Entnahmen spielt die Reihenfolge keine Rolle

Angenommen, jemand legt mit 67 einmalig 300.000 Euro an und entnimmt nichts:

Verlauf Depot mit 75 mit 85 mit 95
Verluste zu Beginn 265.500 € 372.400 € 522.300 €
gleichmäßig 2 % 351.500 € 428.500 € 522.300 €
Verluste am Ende 393.200 € 551.500 € 522.300 €

Unterwegs liegen die Depotwerte weit auseinander, mit 75 um fast 130.000 Euro. Am Ende stehen alle drei Verläufe bei 522.300 Euro. Wer nicht verkaufen muss, kann einen schlechten Start aussitzen, ohne dass er ihn dauerhaft etwas kostet.

Mit Entnahmen entscheidet die Reihenfolge über Jahre

Gabi geht mit 67 in Rente. Sie ist alleinstehend, gibt 2.600 Euro im Monat aus und erhält eine Nettorente von 1.600 Euro. Die fehlenden 1.000 Euro im Monat, 12.000 Euro im Jahr, entnimmt sie ihrem Depot von 300.000 Euro. Das sind genau 4 Prozent. Mit denselben Renditen wie oben ergibt sich ein völlig anderes Bild:

Verlauf Depot mit 75 mit 80 mit 85 mit 95
Verluste zu Beginn 161.200 € 124.500 € 80.900 € mit 92 aufgebraucht
gleichmäßig 2 % 246.400 € 208.400 € 166.400 € 68.800 €
Verluste am Ende 281.100 € 266.400 € 249.000 € 136.000 €

Gabi, 300.000 Euro Depot, Entnahme 12.000 Euro im Jahr, real, jeweils zu Jahresbeginn.

Im ungünstigen Verlauf schrumpft das Depot in den ersten beiden Jahren auf knapp 198.000 Euro, während Gabi weiter 12.000 Euro im Jahr entnimmt. Ihre Entnahmequote steigt dadurch von 4,0 auf 6,1 Prozent, mit 75 liegt sie bei 7,4 Prozent und mit 80 bei 9,6 Prozent. Die guten Jahre kommen zwar, doch dann ist zu wenig Geld im Depot, das von ihnen profitieren könnte. Mit 92 kann Gabi nur noch rund 500 Euro im Monat entnehmen, danach ist das Depot leer. Bis 94 hat sie insgesamt knapp 30.000 Euro weniger entnommen als in den beiden anderen Verläufen, obwohl ihr Depot im Durchschnitt dieselbe Rendite erzielt hat.

Für Sparer gilt das Spiegelbild

Wer regelmäßig einzahlt, erlebt den umgekehrten Effekt. Zahlt jemand 28 Jahre lang zu Jahresbeginn 12.000 Euro ein, stehen am Ende mit den Verlusten zu Beginn 554.100 Euro im Depot, bei gleichmäßiger Rendite 453.500 Euro und mit den Verlusten am Ende nur 386.300 Euro. Frühe Verluste schaden Sparern kaum, weil das Depot noch klein ist und sie anschließend günstig nachkaufen. Späte Verluste treffen dagegen das größte Vermögen, und es bleibt keine Zeit, sie durch neue Einzahlungen auszugleichen.

Für Ihre Planung folgt daraus, dass die heikle Phase nicht erst mit dem Ruhestand beginnt. In den letzten Jahren davor ist das Depot so groß wie nie, und ein Einbruch kurz vor dem geplanten Ausstieg verkleinert genau das Vermögen, von dem Sie anschließend leben wollen.

Wann das Risiko am größten ist

Wie stark der Zeitpunkt der Verluste zählt, zeigt die nächste Tabelle. Gabis Depot erlebt jeweils dieselben zwei Verlustjahre, nur in unterschiedlichem Alter:

Verlustjahre im Alter von Depot mit 80 Depot mit 95
67 und 68 124.500 € mit 92 aufgebraucht
70 und 71 141.100 € mit 94 aufgebraucht
72 und 73 151.300 € 12.900 €
75 und 76 165.400 € 36.200 €
80 und 81 266.400 € 70.300 €
85 und 86 266.400 € 99.000 €
90 und 91 266.400 € 123.300 €
93 und 94 266.400 € 136.000 €
zum Vergleich: gleichmäßig 2 % 208.400 € 68.800 €

Der Schaden nimmt Jahr für Jahr ab. Kommen die Verluste in den ersten fünf Jahren, gerät der Plan ernsthaft ins Wanken; kommen sie mit Mitte 70, bleibt nur noch ein kleiner Rest; ab etwa 80 steht Gabi trotz der Verluste nicht schlechter da, als hätte ihr Depot jedes Jahr gleichmäßig 2 Prozent erzielt. Der Grund liegt in der Rechnung selbst: Ein Verlust schadet umso mehr, je mehr Geld danach noch entnommen werden muss und je länger das Depot dafür noch reichen soll. Mit 68 liegen noch 27 Entnahmen vor Gabi, mit 85 nur noch zehn.

In der Praxis kommt es selten auf ein einzelnes Crash-Jahr an. Der amerikanische Finanzplaner Michael Kitces hat untersucht, welche Renditen am besten vorhersagen, ob eine Entnahmestrategie hält. Die Rendite des ersten Ruhestandsjahres hängt mit der sicheren Entnahmerate nur schwach zusammen; der Korrelationskoeffizient liegt bei 0,21. Die reale Rendite der ersten zehn Jahre erklärt sie dagegen sehr gut, mit einem Wert von rund 0,8 – und damit deutlich besser als die reale Rendite über die gesamten 30 Jahre mit 0,43. Gefährlich ist also vor allem ein schwaches erstes Jahrzehnt, ob durch einen tiefen Einbruch mit langsamer Erholung oder durch eine lange Seitwärtsphase mit hoher Inflation, wie sie amerikanische Ruheständler Ende der 1960er-Jahre erlebten.

Als Faustregel halten wir fest: Die Risikozone reicht von etwa fünf Jahren vor bis etwa zehn Jahre nach Beginn der Entnahmen. In dieser Zeit lohnt es sich, die Gegenmittel bereitzuhalten, die wir weiter unten beschreiben. Wie Ihr eigener Plan auf einen schlechten Start reagiert, können Sie im Ruhestandsrechner durchspielen.

Frühaussteiger sind doppelt verwundbar

Besonders hart trifft das Renditereihenfolgerisiko alle, die vor der Rente aufhören zu arbeiten. Sie entnehmen in den ersten Jahren deutlich mehr, und ihr Geld muss länger reichen. Thomas, ebenfalls aus unserem Ratgeber zur 4-Prozent-Regel, hört mit 60 auf. Bis zum Rentenbeginn mit 67 bestreitet er seine Ausgaben von 2.500 Euro im Monat und den Mindestbeitrag zur freiwilligen Kranken- und Pflegeversicherung von 270 Euro vollständig aus dem Depot, zusammen 33.240 Euro im Jahr. Ab 67 erhält er 1.450 Euro Nettorente, und seine Lücke sinkt auf 12.600 Euro im Jahr.

Nehmen wir an, Thomas besitzt genau das Vermögen, das wir für ihn errechnet haben: 457.600 Euro im Depot und eine Reserve von 25.000 Euro für Einmalausgaben. Bei gleichmäßig 2 Prozent realer Rendite reicht das Depot dann exakt bis 95. Mit denselben zwei Verlustjahren wie bei Gabi und einer Durchschnittsrendite von wiederum 2 Prozent über die 35 Jahre sieht es so aus:

Verlustjahre im Alter von Depot mit 67 Ergebnis
keine (gleichmäßig 2 %) 273.600 € reicht genau bis 95
60 und 61 142.300 € mit 80 aufgebraucht
63 und 64 179.000 € mit 85 aufgebraucht
67 und 68 304.200 € mit 90 aufgebraucht
75 und 76 304.200 € reicht bis 95

Thomas, Ausstieg mit 60, 457.600 Euro Depot (ohne Reserve), Entnahme 33.240 Euro im Jahr bis 66, danach 12.600 Euro; real.

Kommt der Einbruch gleich nach dem Ausstieg, ist Thomas’ Depot 15 Jahre zu früh leer. Seine Entnahmequote steigt von 7,3 Prozent mit 60 auf 11,9 Prozent mit 62 und 19,4 Prozent mit 66; erst mit dem Rentenbeginn fällt sie wieder unter 10 Prozent. Hinzu kommt, dass sich in der Brückenphase wenig kürzen lässt. Thomas bestreitet aus dem Depot nicht eine Lücke neben der Rente, sondern seinen gesamten Lebensunterhalt einschließlich Krankenversicherung. Selbst wenn er ab 61 dauerhaft 10 Prozent weniger entnähme, also rund 280 Euro im Monat, wäre das Depot immer noch mit 85 leer.

Das Beispiel zeigt aus unserer Sicht vor allem eines: Ein Ausstieg vor der Rente verträgt keinen Plan ohne Spielraum. Wer so knapp rechnet wie Thomas, sollte entweder mehr Vermögen mitbringen oder den Ausstiegszeitpunkt flexibel halten. Wie sich ein früherer Ausstieg im Detail planen lässt, erklären wir in den Ratgebern Mit 60 aufhören zu arbeiten und FIRE in Deutschland.

Was gegen das Renditereihenfolgerisiko hilft

Ihr Startjahr können Sie sich nicht aussuchen, und niemand kann vorhersagen, ob die ersten zehn Ruhestandsjahre gut oder schlecht verlaufen. Sie können aber festlegen, wie Sie auf einen schlechten Start reagieren, wie Sie Ihr Vermögen aufteilen und wann Sie mit den Entnahmen beginnen. Wir haben die wichtigsten Gegenmittel mit Gabis und Thomas’ Zahlen durchgerechnet, jeweils im ungünstigen Verlauf mit den Verlusten zu Beginn und im gleichmäßigen Verlauf, um auch die Kosten sichtbar zu machen.

Flexibilität: weniger entnehmen, wenn es darauf ankommt

Senkt Gabi ihre Entnahme nach dem ersten Verlustjahr dauerhaft um 10 Prozent, also um 100 Euro im Monat, reicht ihr Geld bis 97, und mit 95 liegen noch 21.600 Euro im Depot. Zum Vergleich: Ohne Kürzung ist es mit 92 aufgebraucht. In den beiden anderen Verläufen muss Gabi gar nicht kürzen und entnimmt dasselbe wie mit festen Beträgen. Die Flexibilität kostet sie also nur dann etwas, wenn der Ernstfall eintritt.

Wichtig ist, wie lange die Kürzung gilt. Kürzt Gabi nur fünf Jahre lang um 10 Prozent und kehrt dann zum alten Betrag zurück, ist das Depot trotzdem mit 93 leer, nach zehn Jahren Kürzung mit 94. Der Grund: In unserem Stresstest erholt sich das Depot nach den Verlustjahren zwar, holt den Rückstand auf den gleichmäßigen Verlauf aber nie auf. Eine Kürzung sollte deshalb so lange gelten, bis das Depot die ursprüngliche Entnahme wieder tragen kann – und nicht nach einer festen Zahl von Jahren enden.

Genau das leistet die Korridor-Regel, die wir im Ratgeber zum ETF-Entnahmeplan vorschlagen. Dabei vergleichen Sie einmal im Jahr Ihre geplante Entnahme mit dem Betrag, den das Depot bis 95 tragen kann. Liegt die Entnahme mehr als 10 Prozent darüber, kürzen Sie um 10 Prozent; liegt sie mehr als 20 Prozent darunter, erhöhen Sie wieder. Bei Gabi greift die Regel im ungünstigen Verlauf mit 69 und mit 70. Sie entnimmt dann zwölf Jahre lang 810 statt 1.000 Euro im Monat, erhöht ab 82 schrittweise und ist mit 88 wieder beim vollen Betrag. Mit 95 liegen noch gut 31.000 Euro im Depot. Ihr Haushaltseinkommen sinkt in den mageren Jahren von 2.600 auf 2.410 Euro, um gut 7 Prozent. Das ist spürbar, aber kein Vergleich mit der Alternative, mit 92 nur noch von der Rente zu leben.

Man könnte einwenden, Gabi hätte gleich mit einer niedrigeren Entnahme beginnen sollen. Auch das hilft: Mit 10.800 statt 12.000 Euro im Jahr ab 67 übersteht sie den schlechten Start ebenfalls und hat mit 95 noch 23.600 Euro. Der Unterschied liegt bei den Kosten. Die vorsichtige Startentnahme kostet Gabi auch dann 33.600 Euro Konsum, wenn alles gut geht; im gleichmäßigen Verlauf hinterlässt sie mit 95 gut 114.000 Euro, die sie nie ausgegeben hat. Wer bereit ist, im Ernstfall zu kürzen, kann deshalb mit einer etwas höheren Entnahme starten. Das Analysehaus Morningstar kommt in seiner aktuellen Untersuchung zum selben Ergebnis: Für feste, inflationsangepasste Entnahmen hält es 3,9 Prozent für sicher, für flexible Methoden je nach Regel 5,2 bis 5,7 Prozent.

Reserven: was ein Puffer auf dem Tagesgeldkonto leistet und was nicht

Kaum ein Ratgeber zum Thema kommt ohne den Rat aus, zwei bis drei Jahresentnahmen auf dem Tagesgeldkonto zu halten. Fällt die Börse, leben Sie von diesem Geld, statt Aktien mit Verlust zu verkaufen. Die Idee klingt überzeugend. Bei genauerem Hinsehen fällt ihr Nutzen aber bescheiden aus.

Wir haben das mit Gabis Zahlen geprüft. Von ihren 300.000 Euro legt sie 24.000 Euro, zwei Jahresentnahmen, auf ein Tagesgeldkonto, das real nichts abwirft. Nach jedem Verlustjahr entnimmt sie aus diesem Puffer, solange er reicht, und füllt ihn erst wieder auf, wenn das Depot seinen Stand vor dem Einbruch erreicht hat. Im ungünstigen Verlauf reicht ihr Geld damit bis 93 statt bis 92 – ein Jahr mehr. Im gleichmäßigen Verlauf, in dem Gabi den Puffer nie braucht, hat sie mit 95 dagegen nur 51.000 statt 68.800 Euro, weil 24.000 Euro 28 Jahre lang ungenutzt auf dem Konto lagen. Ein doppelt so großer Puffer verlängert die Reichweite im Crash-Verlauf gar nicht mehr und kostet im Normalfall rund 27.000 Euro.

Dass der Puffer so wenig bewirkt, hat zwei Ursachen. Er schützt nur einen kleinen Teil des Vermögens; die übrigen 276.000 Euro fallen trotzdem. Und wer aus dem Tagesgeld lebt, verkauft zwar keine Aktien, verbraucht aber dasselbe Geld – das Gesamtvermögen schrumpft genauso schnell. Ein Puffer entscheidet darüber, aus welchem Topf Sie entnehmen, an der Höhe der Entnahme ändert er nichts. Die Forschung kommt zu ähnlichen Ergebnissen. In einer von Kitces ausgewerteten Studie zu solchen Bargeldreserven fielen die Ausfallquoten mit Puffer sogar höher aus als ohne. Javier Estrada von der IESE Business School hat Daten aus 21 Ländern über 115 Jahre ausgewertet und festgestellt, dass Strategien mit mehreren Töpfen nicht besser abschneiden als ein gleich gemischtes Depot, das regelmäßig auf seine Zielgewichtung zurückgesetzt wird. Im Titel seiner Studie fragt er, ob der Ansatz mehr sei als ein suboptimaler Verhaltenstrick. Für das beliebte 3-Töpfe-Modell gilt dasselbe.

Ganz verzichten würden wir auf eine Reserve trotzdem nicht, nur aus anderen Gründen. Ein bis zwei Jahresausgaben auf dem Tagesgeldkonto geben Ruhe, wenn die Kurse fallen, und machen es leichter, an der eigenen Strategie festzuhalten, statt in Panik zu verkaufen. Außerdem decken sie größere Einmalausgaben ab. Rechnen Sie diese Reserve aber zum sicheren Teil Ihres Vermögens, nicht als Zusatz obendrauf, und legen Sie unabhängig davon fest, wann Sie Ihre Entnahme anpassen. Ein Puffer ohne Kürzungsregel verschiebt das Problem nur um ein Jahr.

Der Ruhestandsbeginn: ein unterschätzter Hebel

Wer vor der Regelaltersgrenze aufhören will, hat einen Hebel, der in vielen Ratgebern zu kurz kommt: den Zeitpunkt des Ausstiegs. Er wirkt doppelt. Jedes zusätzliche Arbeitsjahr verkürzt die teure Brückenphase, und es fällt genau in die Zeit, in der das Renditereihenfolgerisiko am größten ist.

Bei Thomas lässt sich das beziffern. Fallen die beiden Verlustjahre auf seinen 60. und 61. Geburtstag und hört er trotzdem wie geplant mit 60 auf, ist sein Depot mit 80 leer. Arbeitet er bis 61 weiter, reicht es bis 84, arbeitet er bis 62, bis 88. Dabei haben wir unterstellt, dass er in diesen Jahren nichts zusätzlich spart und seine Rente nicht steigt; beides würde das Ergebnis noch verbessern. Kommt kein Einbruch, verschaffen ihm dieselben Jahre einen komfortablen Spielraum: Mit einem Ausstieg mit 61 liegen mit 95 noch 66.600 Euro im Depot, mit 62 sogar 131.800 Euro.

Ein gleitender Übergang wirkt ähnlich. Verdient Thomas in den ersten drei Jahren nach dem Ausstieg mit einer Teilzeitstelle oder einzelnen Projekten 1.000 Euro netto im Monat hinzu, verschiebt sich der Zeitpunkt, an dem sein Depot im Crash-Verlauf leer ist, von 80 auf 85. Ohne Crash bleiben ihm mit 95 gut 70.000 Euro.

Unser Rat an Frühaussteiger lautet deshalb: Legen Sie den Ausstiegstermin nicht zu früh endgültig fest. Prüfen Sie etwa ein Jahr vorher, ob Ihr Depot noch dem Plan entspricht. Liegt es nach einem Kurseinbruch deutlich darunter, ist ein späterer Ausstieg oder ein Übergang mit Teilzeit in aller Regel die bessere Entscheidung als ein Ruhestand, der von Anfang an auf Kante genäht ist. Wer mit der Regelaltersgrenze in Rente geht wie Gabi, hat diesen Hebel kaum noch. Für ihn bleibt vor allem die Flexibilität bei den Ausgaben.

Die Aktienquote rund um den Rentenstart

Naheliegend ist ein weiterer Gedanke: Wenn das Risiko in den Jahren rund um den Rentenstart am größten ist, sollte das Depot in dieser Zeit weniger schwanken. Im Englischen spricht man von einem Bond Tent, weil der Anleiheanteil vor dem Ruhestand wie ein Zeltdach ansteigt und danach wieder sinkt; der Aktienanteil folgt dann einem steigenden Gleitpfad. Wade Pfau und Michael Kitces haben 2014 in Simulationen gezeigt, dass ein Depot, das vorsichtig beginnt und seinen Aktienanteil im Ruhestand nach und nach erhöht, sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch das Ausmaß eines Scheiterns etwas verringert. In einer Folgestudie räumten sie allerdings ein, dass sich der Vorteil über einen Zeitraum von 30 Jahren mit historischen Daten nicht bestätigen ließ, und Estrada kommt mit internationalen Daten teilweise zu anderen Ergebnissen.

Für Ruheständler, die mit 67 beginnen und deren Rente einen großen Teil der Ausgaben deckt, sehen wir deshalb keinen Grund für drastische Umschichtungen. Ein gemischtes Depot, das Sie auch in einem Crash nicht nervös macht, ist wichtiger als die exakte Quote. Anders liegt der Fall bei Frühaussteigern. Das Geld für die Brückenjahre ist ein fester, zeitlich begrenzter Bedarf, und wir halten es für richtig, es überwiegend in Tagesgeld, Festgeld oder kurz laufenden Anleihen anzulegen. Ein Einbruch kurz nach dem Ausstieg trifft dann nur den Teil des Vermögens, den Sie erst ab Rentenbeginn brauchen und der bis dahin Zeit hat, sich zu erholen. Weil das sichere Brückengeld Jahr für Jahr verbraucht wird, steigt der Aktienanteil ganz von selbst – das ist der steigende Gleitpfad in seiner einfachsten Form. Den Preis dafür sollten Sie kennen: Sichere Anlagen bringen weniger Rendite, und der Plan braucht entsprechend etwas mehr Startkapital.

Die Gegenmittel im Überblick

Maßnahme im Crash-Verlauf Kosten ohne Crash Unser Urteil
Entnahme nach dem ersten Verlustjahr dauerhaft um 10 % kürzen (Gabi) reicht bis 97 statt 92 keine wirksamstes Mittel, wenn Wunschausgaben vorhanden sind
Korridor-Regel (Gabi) mit 95 noch 31.300 € keine gute Umsetzung mit klarer Regel
von Anfang an 10 % weniger entnehmen (Gabi) mit 95 noch 23.600 € 33.600 € weniger Konsum sinnvoll, wenn Kürzungen später nicht möglich sind
Puffer von zwei Jahresentnahmen auf Tagesgeld (Gabi) reicht bis 93 statt 92 17.800 € weniger mit 95 aus Gründen der Ruhe sinnvoll, als Schutz schwach
zwei Jahre länger arbeiten (Thomas) reicht bis 88 statt 80 zwei Jahre Arbeitszeit stärkster Hebel für Frühaussteiger
drei Jahre 1.000 € Hinzuverdienst (Thomas) reicht bis 85 statt 80 Arbeitszeit guter Kompromiss

Die gesetzliche Rente als Sicherheitsnetz

In den amerikanischen Studien, aus denen die Debatte um das Renditereihenfolgerisiko stammt, trägt das Depot sämtliche Ausgaben. Ist es leer, bleibt nichts. In Deutschland ist die Lage für die meisten Ruheständler eine andere. Ist Gabis Depot mit 92 aufgebraucht, erhält sie weiterhin 1.600 Euro Rente; ihr fehlen 1.000 Euro im Monat, was sie zu deutlichen Einschnitten zwingt, aber nicht mittellos macht. Thomas behält nach dem Crash ab 80 seine 1.450 Euro. Je größer der Anteil der Rente an Ihrem Einkommen, desto kleiner der Teil, der von der Reihenfolge der Börsenrenditen abhängt.

Die Rente schützt zudem vor einem Risiko, das in vielen Beispielrechnungen untergeht. Wir rechnen bewusst mit realen Renditen, also nach Abzug der Inflation, denn Ihre Ausgaben steigen mit den Preisen. Ein schwaches erstes Jahrzehnt kann deshalb auch durch hohe Inflation entstehen: Verliert ein Depot nominal 10 Prozent, während die Preise um 5 Prozent steigen, sind real gut 14 Prozent weg. Die gesetzliche Rente folgt den Löhnen und gleicht die Teuerung auf längere Sicht weitgehend aus, wenn auch nicht in jedem einzelnen Jahr. Ein Depot leistet das nur, solange die Rendite über der Inflation liegt.

Die Rente ersetzt allerdings keine Vorsorge gegen einen schlechten Start. Wer mit Ende 80 auf mehr als ein Drittel seines Einkommens verzichten muss, hat sich seinen Ruhestand anders vorgestellt. Sie sorgt aber dafür, dass sich das Risiko mit überschaubaren Mitteln beherrschen lässt.

So schützen Sie Ihren Ruhestand: fünf Regeln

  1. Starten Sie mit Abstand zur tragbaren Entnahme. Bei Gabi könnte das Depot bis 95 rechnerisch 4,6 Prozent tragen, sie entnimmt 4 Prozent. Dieser Abstand sorgt dafür, dass ihr Plan selbst im ungünstigen Verlauf bis 92 hält und mit einer moderaten Kürzung bis 97. Wie Sie die tragbare Entnahme für Ihr Alter bestimmen, zeigt die Teiler-Tabelle im Ratgeber zum ETF-Entnahmeplan.
  2. Legen Sie vorher fest, wann Sie kürzen. Eine Regel, die Sie in ruhigen Zeiten beschließen, wenden Sie im Crash eher an als eine spontane Entscheidung. Einmal im Jahr Depotwert und tragbare Entnahme vergleichen, bei mehr als 10 Prozent Überschreitung um 10 Prozent kürzen: Mehr braucht es nicht.
  3. Halten Sie ein bis zwei Jahresausgaben auf dem Tagesgeldkonto, aber erwarten Sie davon keinen Schutz. Der Puffer erleichtert das Durchhalten, ersetzt aber keine Kürzungsregel.
  4. Finanzieren Sie Brückenjahre sicher und halten Sie den Ausstieg flexibel. Prüfen Sie ein Jahr vor dem geplanten Termin, ob Ihr Depot noch dem Plan entspricht, und verschieben Sie den Ausstieg, wenn nicht.
  5. Prüfen Sie Ihren Plan in schlechten Verläufen, nicht nur im Durchschnitt. Ein Plan, der bei gleichmäßiger Rendite gerade so aufgeht, scheitert, sobald die Reihenfolge nicht mitspielt – wie bei Thomas.

Das Reihenfolge-Risiko im Ruhestandsrechner testen

Unsere Beispiele arbeiten mit festgelegten Stresstests. Sie zeigen die Mechanik, sagen aber nichts darüber, wie wahrscheinlich ein schlechter Start ist. Der Ruhestandsrechner geht weiter. Sie tragen Vermögen, Ausgaben, Ruhestands- und Rentenbeginn sowie Ihre Nettorente ein, und der Rechner spielt statt einer festen Rendite viele mögliche Marktverläufe durch. Im Experiment zum Reihenfolge-Risiko können Sie nachvollziehen, wie stark ein schlechter Start Ihren Plan trifft. Außerdem können Sie feste Ausgaben mit flexiblen Anpassungen in schwachen Marktphasen vergleichen und den Ruhestandsbeginn verschieben, um zu sehen, wie sich die Erfolgsquote verändert. Was eine solche Erfolgsquote aussagt und wo ihre Grenzen liegen, erklären wir im Beitrag zur Monte-Carlo-Simulation.

Eine Einschränkung sollten Sie kennen: Beiträge zur freiwilligen Kranken- und Pflegeversicherung berechnet der Rechner nicht automatisch. Wenn Sie vor dem Rentenbeginn aufhören zu arbeiten, tragen Sie diese Beiträge für die Jahre bis zur Rente zusätzlich als Ausgabe ein. Einzelheiten erklärt unser Ratgeber zur Krankenversicherung als Privatier.

Häufige Fragen

Was bedeutet Sequence of Returns Risk?

Es ist der englische Fachbegriff für das Renditereihenfolgerisiko, also die Gefahr, dass ungünstig verteilte Renditen ein Depot mit laufenden Entnahmen früher aufzehren als geplant. Gemeint ist dasselbe; in der deutschsprachigen Literatur und in Foren werden beide Begriffe verwendet, ebenso die Kurzform SoRR.

Gilt das Renditereihenfolgerisiko auch für Sparpläne?

Ja, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Beim Sparplan schaden Verluste am Ende der Ansparphase am meisten, weil das Depot dann am größten ist; frühe Verluste nutzen Sparern sogar, weil sie günstig nachkaufen. In unserem Beispiel liegen zwischen beiden Fällen nach 28 Jahren knapp 170.000 Euro. Bei einer Einmalanlage ohne Ein- und Auszahlungen spielt die Reihenfolge dagegen keine Rolle.

Wie lange dauert die gefährliche Phase?

Am größten ist das Risiko in den letzten Jahren vor und den ersten zehn Jahren nach Beginn der Entnahmen. Kitces’ Auswertung zeigt, dass die reale Rendite des ersten Jahrzehnts den Erfolg einer Entnahmestrategie am besten erklärt. In unserem Beispiel schaden Verluste ab etwa 80 nicht mehr als eine gleichmäßige Rendite.

Hilft ein Cash-Puffer gegen das Renditereihenfolgerisiko?

Weniger, als oft behauptet wird. In unserer Rechnung verlängert ein Puffer von zwei Jahresentnahmen die Reichweite von Gabis Depot im ungünstigen Verlauf um ein Jahr und kostet im Normalfall knapp 18.000 Euro. Wirksamer ist die Bereitschaft, die Entnahme nach einem schlechten Start zu senken. Als Polster für die Nerven und für Einmalausgaben halten wir eine Reserve trotzdem für sinnvoll.

Sollte ich vor dem Ruhestand die Aktienquote senken?

Für Frühaussteiger empfehlen wir, das Geld für die Brückenjahre bis zum Rentenbeginn überwiegend sicher anzulegen; dadurch sinkt der Aktienanteil zum Ausstieg automatisch und steigt danach wieder. Wer mit 67 in Rente geht und einen großen Teil seiner Ausgaben mit der Rente deckt, braucht keine drastische Umschichtung. Entscheidend ist eine Mischung, bei der Sie auch nach einem Einbruch von 20 oder 30 Prozent nicht verkaufen.

Ist die 4-Prozent-Regel damit hinfällig?

Nein. Die Regel stammt aus Untersuchungen, die echte historische Verläufe mit schlechten Startjahren durchgespielt haben, und berücksichtigt das Renditereihenfolgerisiko deshalb bereits. Darum liegt sie weit unter der Durchschnittsrendite eines Aktiendepots. Eine Garantie ist sie trotzdem nicht. Wer die Regel nutzt, sollte festlegen, wann er die Entnahme kürzt. Mehr dazu in unserem Ratgeber zur 4-Prozent-Regel.

Unser Fazit

Das Renditereihenfolgerisiko ist kein Grund, im Ruhestand auf Aktien zu verzichten, wohl aber ein Grund, den Plan nicht auf die Durchschnittsrendite zu bauen. Dieselben Renditen können Gabis Depot bis 92 oder bis weit über 95 tragen, und welcher Fall eintritt, entscheidet sich im ersten Jahrzehnt. Am stärksten gefährdet sind Frühaussteiger mit einer langen Brückenphase und einem knapp gerechneten Plan; bei Thomas reicht ein schlechter Start, um das Depot 15 Jahre zu früh zu leeren.

Die wirksamste Absicherung kostet erstaunlich wenig: die Bereitschaft, nach einem schlechten Start etwas weniger zu entnehmen, und eine Regel, die festlegt, wann. In günstigen Verläufen bemerken Sie davon nichts, in ungünstigen rettet sie Ihren Plan. Den Bargeldpuffer, den viele Ratgeber an die erste Stelle setzen, halten wir für ein nützliches Polster für die Nerven, als Schutz vor dem Renditereihenfolgerisiko überzeugt er uns nicht. Wer vor der Rente aufhören will, sollte zusätzlich den Ausstiegstermin als Stellschraube begreifen und die Brückenjahre sicher finanzieren.

Rechnen Sie Ihren eigenen Plan deshalb einmal mit einem schlechten Start durch, am einfachsten im Ruhestandsrechner. Hält er dort nur mit Mühe, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, eine Kürzungsregel festzulegen oder den Ausstieg noch einmal zu überdenken – und nicht erst nach dem nächsten Börseneinbruch.


Stand: Oktober 2026. Rechenannahmen: Beträge in heutiger Kaufkraft, reale Renditen nach Kosten und Steuern, Entnahme jeweils zu Jahresbeginn, Planungshorizont bis 95. Stresstest: zwei Jahre mit je 15 Prozent realem Verlust, übrige Jahre mit einer konstanten Rendite, die den Durchschnitt auf genau 2 Prozent bringt (28 Jahre: 3,44 Prozent; 35 Jahre: 3,13 Prozent). Tagesgeld-Puffer mit 0 Prozent realer Rendite. Die Verläufe sind Belastungsproben, keine Prognosen; die Korridor-Regel ist ein redaktioneller Vorschlag. Quellen: Michael Kitces, „Understanding Sequence Of Return Risk – Safe Withdrawal Rates, Bear Market Crashes, And Bad Decades“ sowie „Research Reveals Cash Reserve Strategies Don’t Work“ (kitces.com); Javier Estrada, „The Bucket Approach for Retirement: A Suboptimal Behavioral Trick?“, Journal of Investing (2019); Wade D. Pfau, Michael E. Kitces, „Reducing Retirement Risk with a Rising Equity Glide Path“, Journal of Financial Planning, Januar 2014; Michael E. Kitces, Wade D. Pfau, „Retirement Risk, Rising Equity Glide Paths, and Valuation-Based Asset Allocation“, Journal of Financial Planning, März 2015; Morningstar, „The State of Retirement Income“ (Dezember 2025) und Folgeauswertungen 2026.

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