Wie viel Geld brauche ich für den Ruhestand? Den Kapitalbedarf realistisch berechnen
Eine Summe, die für alle passt, gibt es nicht. Wer Ihnen eine nennt – 500.000 Euro, eine Million oder das Zehnfache des Jahresgehalts –, rechnet mit Annahmen über Ihre Ausgaben, Ihre Rente und Ihre Lebensdauer, die er in der Regel für sich behält. Dieselben 400.000 Euro können für eine Rentnerin bis ans Lebensende reichen und für ein Ehepaar nach 20 Jahren aufgebraucht sein. Entscheidend ist deshalb weniger der Betrag im Depot als das Verhältnis zwischen dem, was Sie im Ruhestand ausgeben wollen, und dem, was aus Renten verlässlich hereinkommt.
Der Kapitalbedarf ergibt sich aus vier Größen: der jährlichen Lücke zwischen Ausgaben und sicheren Einnahmen, der Zahl der Jahre, über die Ihr Vermögen diese Lücke schließen muss, der Rendite, die es in dieser Zeit nach Inflation, Kosten und Steuern erwirtschaftet, und einer Reserve für größere Einmalausgaben. Wie daraus eine belastbare Zahl wird, zeigen wir an einem durchgehenden Rechenbeispiel. Drei weitere Beispiele machen deutlich, warum Pauschalwerte so oft danebenliegen.
Warum Faustregeln nur einen ersten Anhaltspunkt liefern
Bei der Recherche begegnen Ihnen immer wieder dieselben Faustregeln. Die bekannteste besagt, dass man im Ruhestand rund 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens braucht. Eine zweite empfiehlt, bis zum Rentenbeginn etwa das Zehnfache des Bruttojahresgehalts angespart zu haben, mit 60 das Sieben- bis Achtfache. Die dritte stammt aus der amerikanischen Ruhestandsforschung: Das 25-Fache der jährlichen Entnahme soll genügen, weil sich daraus eine Entnahmerate von 4 Prozent ergibt.
Als Plausibilitätscheck haben diese Regeln ihre Berechtigung. Als Planungsgrundlage halten wir sie für ungeeignet, weil sie die Größe ausblenden, die in Deutschland den größten Unterschied macht: die Höhe der gesetzlichen Rente. Wer 45 Jahre lang durchschnittlich verdient hat, bezieht eine Rente, die einen großen Teil der laufenden Ausgaben deckt. Ein Selbstständiger, der nie in die Rentenversicherung eingezahlt hat, muss dagegen fast alles aus eigenem Vermögen bestreiten. Eine Regel, die beiden dieselbe Sparsumme empfiehlt, kann für mindestens einen von beiden nicht stimmen. Hinzu kommt, dass die 80-Prozent-Regel nichts über Ihre tatsächlichen Ausgaben weiß – ob Sie zur Miete wohnen oder in einer abbezahlten Wohnung, verändert den Bedarf schnell um mehrere hundert Euro im Monat.
Kapitalbedarf berechnen: der Rechenweg in fünf Schritten
Als durchgehendes Rechenbeispiel dient Andrea. Sie ist 55 Jahre alt, alleinstehend, hat eine erwachsene Tochter, verdient rund 50.000 Euro brutto im Jahr, wohnt zur Miete und geht 2038 mit 67 in Rente. Alle Beträge sind in heutiger Kaufkraft angegeben. Warum das die Rechnung vereinfacht, ohne sie ungenauer zu machen, erklären wir im Abschnitt zur Inflation.
Schritt 1: Ausgaben im Ruhestand schätzen
Beginnen Sie bei Ihren heutigen Ausgaben, nicht bei Ihrem Einkommen. Vom Nettogehalt fließt bei vielen Berufstätigen ein spürbarer Teil in Sparpläne, in die Tilgung eines Kredits oder in die Ausbildung der Kinder; diese Posten entfallen im Ruhestand ebenso wie die Fahrtkosten zur Arbeit. Andere Ausgaben steigen dagegen, vor allem in den ersten Jahren, in denen viele Ruheständler mehr reisen und mehr Zeit für Hobbys haben. Später gewinnen Gesundheitskosten und Hilfe im Haushalt an Gewicht.
Andrea kommt auf folgendes Monatsbudget:
| Ausgabenposten | Euro pro Monat |
|---|---|
| Wohnen (Warmmiete inklusive Nebenkosten) | 950 |
| Lebensmittel, Drogerie, Haushalt | 450 |
| Mobilität (Auto, Nahverkehr) | 250 |
| Gesundheit und Versicherungen (Zuzahlungen, Zahnzusatz, Haftpflicht, Hausrat) | 180 |
| Freizeit, Reisen, Hobbys | 450 |
| Kleidung, Kommunikation, Geschenke, Sonstiges | 320 |
| Summe | 2.600 |
Die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung fehlen in dieser Aufstellung mit Absicht. Als Pflichtmitglied der Krankenversicherung der Rentner zahlt Andrea sie direkt von der Rente; sie tauchen deshalb im nächsten Schritt als Abzug auf. Wer im Ruhestand freiwillig gesetzlich oder privat versichert ist, muss die Beiträge dagegen ins Budget aufnehmen, und das sind schnell mehrere hundert Euro im Monat. Was dabei zu beachten ist, erklären wir im Ratgeber zur Krankenversicherung als Privatier. Wie Sie Ihr Ausgabenbudget im Detail aufstellen und welche Posten häufig vergessen werden, beschreibt unser Ratgeber Rentenlücke berechnen.
Schritt 2: Sichere Einnahmen abziehen
Als sicher zählen alle Einnahmen, die lebenslang und unabhängig von den Kapitalmärkten fließen: die gesetzliche Rente, Betriebsrenten, Beamtenpensionen und private Rentenversicherungen in der Auszahlphase. Den Ausgangswert für die gesetzliche Rente liefert die Renteninformation, die Versicherte ab 27 Jahren mit mindestens fünf Beitragsjahren jährlich von der Deutschen Rentenversicherung erhalten. Der dort genannte Betrag ohne künftige Rentenanpassungen ist mit dem heutigen Rentenwert berechnet und entspricht deshalb näherungsweise der heutigen Kaufkraft.
Die Renteninformation nennt allerdings Bruttowerte. Davon gehen zunächst die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung ab. Rentner zahlen 2026 die Hälfte des allgemeinen Beitragssatzes von 14,6 Prozent und die Hälfte des Zusatzbeitrags ihrer Krankenkasse, der im Durchschnitt bei 2,9 Prozent liegt. Den Pflegebeitrag von 3,6 Prozent tragen sie allein, Kinderlose zahlen 4,2 Prozent. Zusammen sind das gut 12 Prozent der Bruttorente. Hinzu kommt die Einkommensteuer: Bei einem Rentenbeginn im Jahr 2026 sind 84 Prozent der Rente steuerpflichtig, für jeden späteren Rentenjahrgang steigt dieser Anteil um einen halben Prozentpunkt.
Andreas Renteninformation weist 1.850 Euro brutto aus. Nach Abzug von rund 228 Euro für Kranken- und Pflegeversicherung und gut 70 Euro Einkommensteuer – bei ihrem Rentenbeginn 2038 sind 90 Prozent der Rente steuerpflichtig, gerechnet mit dem heutigen Tarif – bleiben rund 1.550 Euro. Dazu kommt eine Betriebsrente von netto 200 Euro. Ihre sicheren Einnahmen liegen damit bei 1.750 Euro, ihre monatliche Lücke bei 850 Euro oder 10.200 Euro im Jahr.
Die Betriebsrente hat allerdings einen Haken: Sie steigt laut Vertrag nur um 1 Prozent pro Jahr. Liegt die Inflation bei 2 Prozent, verliert sie Jahr für Jahr an Kaufkraft und ist mit 94 real nur noch gut 150 Euro wert. Die gesetzliche Rente folgt dagegen grundsätzlich der Lohnentwicklung, die langfristig über der Inflation liegt; Phasen mit realen Verlusten wie Mitte der 2000er-Jahre gab es aber auch. Für Andrea bedeutet der schleichende Wertverlust der Betriebsrente einen zusätzlichen Kapitalbedarf von knapp 6.000 Euro, den wir im Ergebnis berücksichtigen.
Schritt 3: Den Planungshorizont festlegen
Nach der aktuellen Sterbetafel 2023/2025 des Statistischen Bundesamts haben 65-jährige Männer im Durchschnitt noch 18,0 Lebensjahre vor sich, 65-jährige Frauen 21,1 Jahre. Bis zu diesem Durchschnitt zu planen, wäre trotzdem ein Fehler. Ein großer Teil der Menschen lebt länger, und wer seine Rechnung auf 86 Jahre auslegt, steht womöglich mit 87 ohne Reserven da. Außerdem beruhen die Werte auf den heutigen Sterblichkeitsverhältnissen; steigt die Lebenserwartung weiter, sind sie für heute 55-Jährige eher zu niedrig.
Wir empfehlen, mindestens bis 95 zu planen, bei Paaren und bei guter Gesundheit eher bis 100. Wie viel diese Vorsicht kostet, zeigt die Rechnung für Andreas Lücke von 10.200 Euro im Jahr bei 2 Prozent realer Rendite:
| Geplant bis zum Alter | Jahre ab Rentenbeginn | Kapitalbedarf |
|---|---|---|
| 87 | 20 | 170.100 € |
| 90 | 23 | 190.300 € |
| 92 | 25 | 203.100 € |
| 95 | 28 | 221.400 € |
| 100 | 33 | 249.600 € |
Die fünf zusätzlichen Jahre zwischen 90 und 95 kosten Andrea rund 31.000 Euro Kapital. Das ist eine vergleichsweise günstige Absicherung gegen das teuerste Risiko der Ruhestandsplanung: länger zu leben, als das Geld reicht.
Schritt 4: Mit einer realistischen Rendite rechnen
Solange das Vermögen nicht aufgebraucht ist, arbeitet es weiter. Für die Rechnung zählt dabei die reale Nettorendite, also das, was nach Inflation, Produktkosten und Steuern übrig bleibt. Wir rechnen mit 2 Prozent. Dieser Wert passt zu einem breit gestreuten Depot aus Aktien-ETFs und sicheren Anlagen, das vor Kosten nominal etwa 4,5 bis 5 Prozent im Jahr erwirtschaftet, wenn die Inflation im Schnitt bei 2 Prozent liegt. Eine Prognose ist das nicht; wir verwenden den Wert als bewusst vorsichtige Planungsannahme.
Steuern fallen bei Entnahmen aus dem Depot nur auf den Gewinnanteil an: 25 Prozent Abgeltungsteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Bei Aktien-ETFs bleiben 30 Prozent der Erträge durch die Teilfreistellung steuerfrei, außerdem gilt der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person. Wie hoch die Steuer auf eine Entnahme tatsächlich ausfällt, hängt davon ab, wie viel Kursgewinn in den verkauften Anteilen steckt.
Wie stark die Renditeannahme das Ergebnis bestimmt, zeigt wieder Andreas Beispiel mit 28 Jahren Planungshorizont:
| Reale Nettorendite pro Jahr | Kapitalbedarf für 10.200 € pro Jahr |
|---|---|
| 0 % | 285.600 € |
| 1 % | 250.500 € |
| 2 % | 221.400 € |
| 3 % | 197.100 € |
Jeder Prozentpunkt verändert den Bedarf um 24.000 bis 35.000 Euro. Wer sein gesamtes Vermögen auf Tagesgeld- und Festgeldkonten hält, deren Zinsen die Inflation über längere Zeit kaum ausgleichen, sollte mit der ersten Zeile rechnen. Mit mehr als 3 Prozent realer Nettorendite würden wir nicht planen. Eine solche Rendite setzt eine hohe Aktienquote voraus und damit Kursschwankungen, die im Ruhestand nicht jeder aushalten kann – und auch nicht muss.
Schritt 5: Eine Reserve einplanen
Die laufende Lücke ist nur ein Teil des Bedarfs. Im Lauf von zwei oder drei Jahrzehnten fallen Ausgaben an, die in keinem Monatsbudget stehen: ein neues Auto, Zahnersatz, eine bodengleiche Dusche, ein Umzug in eine kleinere Wohnung, vielleicht ein Zuschuss für die Tochter. Wir empfehlen, dafür einen eigenen Betrag anzusetzen, statt ihn in den monatlichen Ausgaben zu verstecken. Für Andrea planen wir 25.000 Euro.
Ein Sonderfall ist die Pflege. Zum 1. Juli 2026 mussten Pflegeheimbewohner im ersten Aufenthaltsjahr nach Berechnungen des Verbands der Ersatzkassen im Bundesdurchschnitt 3.364 Euro im Monat selbst tragen. Weil Miete und ein großer Teil der Lebenshaltungskosten im Heim wegfallen, muss Andrea nicht den gesamten Eigenanteil zusätzlich finanzieren, sondern die Differenz zu ihrem bisherigen Budget. Mit persönlichen Ausgaben liegt sie rund 900 Euro über den 2.600 Euro, die ihr Plan vorsieht – im ersten Jahr also etwa 11.000 Euro. Danach sinkt der Betrag, weil die Pflegeversicherung mit zunehmender Aufenthaltsdauer einen größeren Teil des pflegebedingten Eigenanteils übernimmt. Eine pauschale Reserve kann dieses Risiko abfedern, aber nicht vollständig absichern.
Das Ergebnis für Andrea
| Baustein | Betrag |
|---|---|
| Finanzierung der Lücke bis 95 (10.200 € pro Jahr, 2 % real) | 221.400 € |
| Ausgleich für den Kaufkraftverlust der Betriebsrente | 5.800 € |
| Reserve für Einmalausgaben | 25.000 € |
| Kapitalbedarf zum Rentenbeginn mit 67 | rund 252.000 € |
Die 4-Prozent-Regel käme mit 255.000 Euro (25 × 10.200 Euro) auf ein ähnliches Ergebnis. Das ist kein Zufall, denn sie wurde für einen Ruhestand von etwa 30 Jahren entwickelt und passt damit ziemlich genau zu Andreas Situation. Bei einem früheren Ausstieg oder einer niedrigeren Renditeerwartung stößt sie dagegen an ihre Grenzen; mehr dazu in unserem Ratgeber zur 4-Prozent-Regel. Die Faustregel vom Zehnfachen des Bruttojahresgehalts hätte für Andrea 500.000 Euro ergeben, also fast doppelt so viel wie nötig. Ihre solide gesetzliche Rente kommt in dieser Regel schlicht nicht vor.
Im Ruhestandsrechner können Sie dieselbe Rechnung mit Ihren eigenen Werten durchspielen: Ausgaben, Renteneinnahmen ab ihrem jeweiligen Beginn, vorhandenes Vermögen, Renditeannahme und Planungshorizont.
Inflation: Warum wir in heutiger Kaufkraft rechnen
Im September 2026 lag die Inflationsrate nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts bei 3,3 Prozent. Über die Dauer eines Ruhestands summiert sich aber auch eine deutlich niedrigere Teuerung zu erheblichen Beträgen. Andreas Budget von 2.600 Euro entspricht bei 2 Prozent Inflation in zwölf Jahren, also zu ihrem Rentenbeginn, 3.297 Euro. Bei 3 Prozent wären es 3.707 Euro.
Trotzdem rechnen wir alle Beträge in heutiger Kaufkraft. Damit lässt sich der häufigste Fehler bei der Ruhestandsplanung vermeiden: die Inflation doppelt oder gar nicht zu berücksichtigen. Wer Ausgaben in heutigen Euro ansetzt und mit der realen Rendite rechnet, erfasst die Geldentwertung an genau einer Stelle. Das Ergebnis ist außerdem anschaulicher. Unter 252.000 Euro in heutiger Kaufkraft kann sich Andrea etwas vorstellen; unter knapp 320.000 Euro im Jahr 2038, die bei 2 Prozent Inflation dasselbe bedeuten, deutlich weniger.
Diese Vereinfachung setzt voraus, dass Ihre Einnahmen ihre Kaufkraft halten. Bei der gesetzlichen Rente ist das über längere Zeiträume weitgehend der Fall; zum 1. Juli 2026 stieg sie um 4,24 Prozent. Private Rentenversicherungen und viele Betriebsrenten zahlen dagegen feste oder nur leicht steigende Beträge. Eine Privatrente von 300 Euro hat bei 2 Prozent Inflation nach 15 Jahren nur noch die Kaufkraft von 223 Euro. Setzen Sie solche Einnahmen deshalb vorsichtig an oder planen Sie den Kaufkraftverlust ausdrücklich ein, wie wir es bei Andreas Betriebsrente getan haben.
Gleiches Vermögen, ganz unterschiedliche Reichweite
Wie stark der Kapitalbedarf von der persönlichen Situation abhängt, zeigen drei weitere Rechenbeispiele. Alle drei Haushalte besitzen 400.000 Euro, rechnen mit 2 Prozent realer Nettorendite und entnehmen jedes Jahr einen inflationsangepassten Betrag.
Renate geht mit 67 in Rente. Ihre eigene Rente und eine Witwenrente decken den größten Teil ihrer Ausgaben, es fehlen 800 Euro im Monat. Rechnerisch reicht ihr Vermögen mehr als 80 Jahre, also lebenslang. Renate könnte mehr ausgeben, als sie plant, oder einen großen Teil ihres Vermögens vererben.
Das Ehepaar Becker geht ebenfalls mit 67 in Rente, wohnt aber in einer teuren Stadtwohnung und reist viel. Die monatliche Lücke beträgt 2.000 Euro. Nach 20 Jahren, mit 87, ist das Vermögen aufgebraucht. Für ein Paar ist das ein ernstes Problem, weil die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens einer der beiden Partner älter als 87 wird, deutlich höher liegt als bei einer Einzelperson. Soll das Geld bis 95 reichen, darf die Lücke höchstens rund 1.540 Euro im Monat betragen.
Frank hört mit 60 auf zu arbeiten. Bis zu seinem Rentenbeginn mit 67 muss er seine gesamten Ausgaben von 2.800 Euro im Monat einschließlich der Beiträge zur freiwilligen Krankenversicherung aus dem Vermögen bestreiten. Danach fehlen ihm 900 Euro im Monat, auch weil die sieben fehlenden Beitragsjahre seine Rente schmälern. Mit 67 sind von den 400.000 Euro noch knapp 205.000 Euro übrig. Sie reichen weitere 23,5 Jahre, bis Frank etwa 90 ist.
| Renate | Ehepaar Becker | Frank | |
|---|---|---|---|
| Ruhestand ab | 67 | 67 | 60 |
| Monatliche Entnahme | 800 € | 2.000 € | 2.800 € bis 67, danach 900 € |
| Vermögen reicht bis | lebenslang | 87 | etwa 90 |
Franks Beispiel zeigt, wo beim frühen Ausstieg das Geld bleibt: Die sieben Jahre ohne Rente verbrauchen fast die Hälfte seines Vermögens. Um sicher bis 95 zu planen, hätte er mit 60 rund 426.000 Euro gebraucht, und darin ist noch keine Reserve enthalten. Als freiwillig Versicherter zahlt Frank zudem Krankenversicherungsbeiträge auf seine Kapitalerträge. Diese Beiträge müssen Sie separat ermitteln und einplanen; der Ruhestandsrechner berechnet sie nicht automatisch. Wie Sie die Überbrückungsphase bis zur Rente planen, erklären wir ausführlich im Ratgeber Mit 60 aufhören zu arbeiten.
Wie lange reichen 300.000 oder 500.000 Euro?
Beantworten lässt sich diese Frage nur zusammen mit der Höhe der Entnahme. Die Tabelle zeigt, wie viele Jahre ein Vermögen bei inflationsangepassten monatlichen Entnahmen reicht – einmal mit 2 Prozent realer Nettorendite, einmal ohne reale Rendite, wie sie sich bei Tagesgeld über längere Zeiträume ungefähr ergibt.
| Vermögen | Entnahme pro Monat | Reichweite bei 2 % real | Reichweite bei 0 % real |
|---|---|---|---|
| 300.000 € | 1.000 € | 34,0 Jahre | 25,0 Jahre |
| 300.000 € | 1.500 € | 20,0 Jahre | 16,7 Jahre |
| 300.000 € | 2.000 € | 14,2 Jahre | 12,5 Jahre |
| 300.000 € | 2.500 € | 11,0 Jahre | 10,0 Jahre |
| 500.000 € | 1.000 € | über 80 Jahre | 41,7 Jahre |
| 500.000 € | 1.500 € | 39,7 Jahre | 27,8 Jahre |
| 500.000 € | 2.000 € | 26,5 Jahre | 20,8 Jahre |
| 500.000 € | 2.500 € | 20,0 Jahre | 16,7 Jahre |
Zwei Dinge fallen auf. Die Reichweite reagiert überproportional auf die Entnahme: Wer aus 300.000 Euro statt 1.500 nur 1.000 Euro im Monat entnimmt, verlängert die Laufzeit von 20 auf 34 Jahre, also um 70 Prozent. Und die Rendite wirkt umso stärker, je niedriger die Entnahme und je länger damit der Zeitraum ist. Bei hohen Entnahmen ist das Geld nach gut zehn Jahren weg, wie auch immer es angelegt war; bei niedrigen entscheidet die Anlage darüber, ob das Vermögen 40 Jahre oder ein Leben lang hält.
Wie viel sollten Sie mit 60 gespart haben?
Zu dieser Frage kursieren pauschale Richtwerte wie das Sieben- bis Achtfache des Bruttojahresgehalts. Aussagekräftiger ist eine Rückwärtsrechnung: Sie ermitteln den Kapitalbedarf zum Rentenbeginn und rechnen aus, wie viel davon Sie mit 60 bereits besitzen müssen, wenn Sie bis zur Rente weiter sparen.
Andrea braucht mit 67 rund 252.000 Euro. Spart sie ab 60 weiterhin 400 Euro im Monat und erzielt sie in dieser Phase mit einer höheren Aktienquote 3 Prozent reale Rendite, wachsen die Sparraten bis 67 auf knapp 37.000 Euro an. Mit 60 sollte sie dann rund 175.000 Euro besitzen. Hört sie mit 60 auf zu sparen, sind etwa 205.000 Euro nötig. Die Faustregel hätte ihr 350.000 bis 400.000 Euro abverlangt.
Für Selbstständige ohne gesetzliche Rente oder für Menschen mit langen Teilzeitphasen kann dieselbe Faustregel umgekehrt viel zu niedrig liegen. Deshalb halten wir die Rückwärtsrechnung für die einzige brauchbare Antwort auf die Frage, wie viel man mit 60 gespart haben sollte.
Ab welchem Vermögen können Sie aufhören zu arbeiten?
Rechnerisch dann, wenn Ihr Vermögen mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen kann. Es muss die vollen Lebenshaltungskosten bis zum Rentenbeginn decken, einschließlich der Kranken- und Pflegeversicherung, die Sie in dieser Zeit selbst bezahlen. Es muss ab Rentenbeginn die dauerhafte Lücke schließen, die wegen der fehlenden Beitragsjahre größer ausfällt als bei einem regulären Rentenbeginn. Und es muss eine Reserve für Unvorhergesehenes enthalten. Franks Beispiel zeigt, wie schnell sich das summiert.
Offen ist dann noch, ob Sie Ihr Vermögen aufbrauchen wollen. Alle Rechnungen in diesem Artikel unterstellen Kapitalverzehr: Am Ende des Planungshorizonts ist das Geld verbraucht. Wer dagegen nur von den Erträgen leben und das Vermögen erhalten will, braucht bei 2 Prozent realer Rendite rund das 50-Fache der jährlichen Entnahme. Für Andreas Lücke von 10.200 Euro wären das 510.000 Euro, also gut doppelt so viel wie beim Kapitalverzehr; für eine Lücke von 2.000 Euro im Monat bereits 1,2 Millionen Euro. Kapitalerhalt ist eine legitime Entscheidung, etwa wenn Sie Vermögen weitergeben möchten. Für einen finanziell sicheren Ruhestand ist er nicht notwendig.
Wer deutlich vor 60 aussteigen will, bewegt sich im Bereich der FIRE-Bewegung. Dort werden andere Größen wichtig, vor allem die Sparquote und eine Entnahmephase von 40 Jahren und mehr. Wie sich das mit deutschen Rahmenbedingungen planen lässt, zeigt unser Ratgeber FIRE in Deutschland.
Was eine feste Renditeannahme nicht abbildet
Alle bisherigen Rechnungen unterstellen, dass das Vermögen Jahr für Jahr gleichmäßig 2 Prozent real erwirtschaftet. So verlaufen Kapitalmärkte nicht. Ein Depot mit Aktienanteil kann in einem Jahr 20 Prozent verlieren und im nächsten 15 Prozent gewinnen. Solange Sie nichts entnehmen, spielt die Reihenfolge guter und schlechter Jahre für das Endergebnis keine Rolle. In der Entnahmephase ist das anders: Wer in einem schwachen Börsenjahr Anteile verkaufen muss, um seine Ausgaben zu bestreiten, verkauft zu niedrigen Kursen, und diese Anteile fehlen bei der späteren Erholung. Fallen die schlechten Jahre an den Anfang des Ruhestands, kann das Geld deutlich früher aufgebraucht sein als in der Durchschnittsrechnung, obwohl die Rendite über die gesamte Laufzeit dieselbe ist. Was hinter diesem Renditereihenfolgerisiko steckt, erklären wir an zwei konkreten Verläufen.
Der Ruhestandsrechner setzt hier an. Er simuliert viele mögliche Marktverläufe und zeigt, in wie vielen davon Ihr Geld bis zum Ende des Planungshorizonts reicht. Eine Erfolgsquote von 90 Prozent bedeutet, dass das Vermögen in neun von zehn simulierten Verläufen ausreicht; was eine solche Quote aussagt und was nicht, beschreibt unser Beitrag zur Monte-Carlo-Simulation. Außerdem können Sie vergleichen, wie sich feste Ausgaben und flexible Anpassungen in schwachen Marktphasen auswirken. Aus unserer Sicht ist die Bereitschaft, in schlechten Börsenjahren vorübergehend etwas weniger zu entnehmen, einer der wirksamsten Hebel, um einen knapp kalkulierten Plan robuster zu machen. Wie sich ein solcher Entnahmeplan praktisch umsetzen lässt, erklären wir gesondert.
Die statische Rechnung bleibt trotzdem der richtige Ausgangspunkt. Sie zeigt, in welcher Größenordnung Ihr Bedarf liegt und welche Annahmen ihn treiben. Die Simulation beantwortet anschließend die Frage, wie viel Sicherheitsabstand Ihr Plan braucht.
Häufige Fragen
Wie lange reichen 100.000 Euro im Ruhestand?
Bei einer inflationsangepassten Entnahme von 500 Euro im Monat und 2 Prozent realer Nettorendite reichen 100.000 Euro 20 Jahre. Entnehmen Sie 1.000 Euro, ist das Geld nach neun Jahren aufgebraucht. Als alleinige Altersvorsorge genügt dieser Betrag deshalb nur, wenn die Rente den größten Teil der Ausgaben deckt.
Kann man von einer Million Euro leben?
Ja, und zwar komfortabel. Soll das Vermögen erhalten bleiben, erlaubt eine Million Euro bei 2 Prozent realer Rendite eine Entnahme von gut 1.600 Euro im Monat. Wer das Kapital über 30 Jahre aufbraucht, kann rund 3.650 Euro im Monat entnehmen. Hinzu kommen in beiden Fällen die Renteneinnahmen.
Wie viel Geld sollte man beim Renteneintritt auf der hohen Kante haben?
Unabhängig vom gesamten Kapitalbedarf empfehlen wir, zu Rentenbeginn einen Teil des Vermögens jederzeit verfügbar auf dem Tagesgeldkonto zu halten: die Reserve für größere Ausgaben und zusätzlich die geplanten Entnahmen für ein bis zwei Jahre. Dann müssen Sie in einem schwachen Börsenjahr keine Wertpapiere zu ungünstigen Kursen verkaufen. Bei Andrea wären das 25.000 Euro Reserve plus 10.000 bis 20.000 Euro für die laufenden Entnahmen.
Was besagt die 4-Prozent-Regel?
Nach dieser Regel können Sie im ersten Ruhestandsjahr 4 Prozent Ihres Vermögens entnehmen und den Betrag danach jedes Jahr an die Inflation anpassen. In den historischen Daten des US-Kapitalmarkts hätte das Geld damit mindestens 30 Jahre gereicht. Für deutsche Anleger mit Steuern, Produktkosten und oft längerem Ruhestand ist sie ein brauchbarer Orientierungswert, aber keine Garantie.
Unser Fazit
Wie viel Geld Sie für den Ruhestand brauchen, lässt sich beantworten – nur nicht mit einer Zahl, die für alle gilt. Wer seine Ausgaben ehrlich schätzt, die Nettorente aus der Renteninformation abzieht, bis 95 plant, mit höchstens 2 bis 3 Prozent realer Rendite rechnet und eine Reserve einplant, kommt zu einem Ergebnis, das deutlich belastbarer ist als jede Faustregel. In unserem Beispiel lag es bei rund 252.000 Euro und damit weit unter dem, was die gängige Gehaltsregel nahelegt. Bei einem frühen Ausstieg oder einer niedrigen Rente kann es ebenso gut doppelt so hoch ausfallen.
Für den Anfang genügen Ihre letzte Renteninformation und ein realistisches Monatsbudget. Mit beiden Zahlen können Sie die Rechnung im Ruhestandsrechner wiederholen und anschließend prüfen, wie robust Ihr Plan ist, wenn die Märkte nicht mitspielen. Liegt die Erfolgsquote dort deutlich unter 90 Prozent, sollten Sie eher bei den Ausgaben oder beim Zeitpunkt des Ausstiegs ansetzen als bei der Renditeannahme. Eine höhere Rendite einzutragen, verbessert das Ergebnis nur auf dem Bildschirm.
Stand: Oktober 2026. Rechenannahmen: Beträge in heutiger Kaufkraft, inflationsangepasste Entnahme jeweils zu Jahresbeginn, reale Nettorendite 2 Prozent pro Jahr, sofern nicht anders angegeben. Steuer- und Beitragswerte nach Rechtsstand 2026. Quellen: Deutsche Rentenversicherung (Rentenanpassung 2026), Bundesgesundheitsministerium (GKV-Beitragssätze 2026), Techniker Krankenkasse (Pflegeversicherung 2026), Statistisches Bundesamt (Sterbetafel 2023/2025, Verbraucherpreisindex), Verband der Ersatzkassen (Eigenanteile in Pflegeheimen, Stand 1. Juli 2026).